Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

Freitag, 23. September 2016

So pervertiert* ist die deutsche Öffentlichkeit mittlerweile...

Eine der – was mich und meine Anliegen betrifft - massivsten Hetz- und Störattacken der letzten Wochen war für mich von Sönke Henning Tappe ausgegangen, der sich dabei viel Zuspruchs erfreute und damit de facto zum Trittbrettfahrer neurechter Kreise sowie deren Anti-Maas-Hysterie (es ist mir in diesem Falle egal, ob er zu selbstgefällig und kurzsichtig war, um das selbst zu bemerken!) wurde. Der mutmaßliche Gymnasiallehrer, Kaukasusphotograph und Blogger Sönke Henning Tappe, talso genau der Herr, der sich mit einem unkontrollierten online-Verhalten hervorgetan hat, präsentiert sich nun als Bewahrer eines friedlichen demokratischen Gesprächsfeldes. Und es erfolgt kein Einspruch, bzw. kein Hinweisen auf die Inkohärenzen! Auch von gemeinsamen Freunden, die seine Vorgehensweise mitbekommen hatten, nicht...
Hier der für mich eklatanteste post:


Aus dem Text des von Sönke Henning Tappe verlinkten Artikels :

"Wie verhält man sich, wenn man in dem soziologischen Echtzeit-Experiment, das wir "Social Media" nennen, mit scheuerhaften, also rassistischen Äußerungen konfrontiert wird? Rückzug? Entfrienden oder Blocken? Melden? Widerspruch? Die Diskussion suchen? 
In sozialen Medien kristallisiert sich eine Verhaltensweise heraus, die nicht neu ist. Jedoch in einer durchmedialisierten Gesellschaft neue Dimension bekommt: Passivrassismus. So bezeichne ich das Geschehenlassen rassistischer Äußerungen, wo man widersprechen oder gegenhalten könnte, es aber nicht tut. Passivrassismus ist das brüllende Schweigen zum falschen Zeitpunkt, die schmerzhaft fehlenden Widerworte."

"Der Kampf gegen den Hass im Netz beginnt mit dem Kampf gegen den eigenen Passivrassismus, also dem Schweigen gegenüber Rassismus."

"Wer duldet ist mit schuld" - wirklich so gemeint? Zustimmung hierzu ist ja schön und gut, aber was von diesen lobenswerten Bekenntnissen kommt denn auch im realen Leben und der eigenen Praxis an? 

 Das liberale Selbstbild auf die Probe gestellt:

Ich hatte im Mai über facebook versucht, den Rassismus und den Opportunismus des sogenannten "Gedichtes" von Böhmermann zu benennen, zu erklären und ihm entgegenzutreten:



Tappe hatte hierauf sehr persönlich, aggressiv und irrational reagiert und war mir mit lauthalsigem "Zensur"-Vorwürfen begegnet ("netterweise" auf meinen Wohnort bezogen und geschickt von einer deutschen auf türkische Problemlagen ablenkend):










Daß die Böhmermann-Äußerungen - jenseits des konkreten Personenbezugs und der türkischen Regierungspolitik - als rassistisch interpretiert werden konnten, war zu diesem Zeitpunkt längst klar und konnte in verschiedenen Zeitungs- und Blogartikeln nachgelesen werden (z.B. hier). Mittlerweile hat ein deutsches Gericht entschieden, daß Böhmermann die Grenzen der künstlerischen Freiheiten überschritten hat (siehe dazu auch. den ntv-Bericht ""Schmähkritik" wegen Rassismus verboten").Im Wortlaut erklärte das Gericht:

" [...] die fraglichen Zeilen greifen gerade gegenüber Türken oftmals bestehende Vorurteile auf, die gewöhnlich als rassistisch betrachtet werden."

Die berühmt-berüchtigten "Sprechverbote"....

Noch weniger als eine kritische Auseinandersetzung mit der Böhermann-Kritik wollten Tappe und sein - z.T. aus neurechten Islamhassern und Migrationsphobikern bestehender Freundeskreis - aber offenbar, daß eigenes übergriffiges Verbalverhaltenhalten samt verleumderischer Unterstellungen Konsequenzen nach sich zieht. Denn selbst nachdem ich Tappe aufgrund des Torpedieren der Böhmermann-Diskussion auf facebook blockiert hatte, hatte er keine Ruhe gegeben, sich vielmehr dann an einen gemeinsamen Freund gehalten, als dieser einen post von mir geteilt hatte...

Ich hatte mich in diesem Zeitraum von etlichen Leuten auf diese Weise "bearbeitet" gesehen und mir ging das allmählich an die Substanz. Deswegen habe ich mich veranlaßt gesehen, zu härteren Maßnahmen zu greifen und (öffentlich) erwogen, auf andere Weisen Grenzen ziehen, d.h. mich an Herrn Tappes Arbeitgeber zu wenden. Ich sehe hierin nach wie vor nichts Anstößiges (es wird ja impliziert, daß der Arbeitgeber sich an rechtsstaatliche Gesetze und unsere gesellschaftlichen Wertvorstellungen hält), ein Vorgehen über den Arbeitgeber wird auch in Zeitungsartikeln zum Thema Handlungsoption bei Haß und Pöbleien im Netz aufgezeigt, siehe etwa "Melden, anprangern, anzeigen"). Die unmittelbaren Reaktionen der Tappe-Anhänger waren allerdings so heftig wie erschreckend:




Hier jemand, der angesichts eigener migranten- und flüchtlingsfeindlicher Tendenzen genug Grund hat, "öffentliche Bloßstellung und An-den-Pranger-stellen doof" zu finden: 


Dagegen ein sich dezidierter als "liberal" Verstehender:

 











Worte töten nicht, Felix Hau? Dann lesen Sie doch mal die "Einschätzungen zweier Sprachwissenschaftler "Die Sprache von Pegida ist ein Fundement für Gewalt". Oder haben Sie nicht eigentlich auch selbst Kulturwissenschaften studiert, wären da nicht weitere Erklärungen meinerseits ohnehin überflüssig? Und in völligem Verkennen des inhaltlichen Zusammenhangs zwischen Mobbing durch ethnozentrische, muslimfeindliche Vorgesetzte, meinem Arbeitsthema und meinem Unbehagen an der Böhmermann-Satire, schreibt, wenngleich auch nicht ganz so rüde formuliert wie einige der andere Kommentare, ein Robert Morger:




Hier wurden sich, wahrscheinlich in einigen Fällen auch unbemerkt, also insgesamt neurechte Diskursumwertungen und Mimikry- bzw. Verneblungsstrategien angeeignet. Aus dem Eintreten gegen Haß werden damit "Aggression", "Zensur" und "Sprechverbote". Nachdem Presseberichterstattung und soziale Medien in Reaktion auf das Scheitern des Militärputsches in der Türkei - den ein Teil der Freundesriege Tappes am Abend des 15. Juli begrüßt hatte und/oder anschließend als Verschwörung des türkischen Staates deutete - die öffentliche Stimmung weiter aufgeheizt hatten, begann Herr Tappe - in Anknüpfung an unsere vorherigen Auseinandersetzungen, ohne weiteren Anlaß -  eine ausgewachsene Verleumdungskampagne gegen mich zu führen. Dabei versuchte Tappe auch selbst noch einmal, das Vorgefallene und seine fortgeführten Belästigungen und deutlich formulierten, wiederholten Kontaktversuche (natürlich gegen meinen Wunsch) in Aggressionen, "Mobbing" und  Zensurabsichten von Irma Kreiten umzudeuten (von Tappe am 20. Juli 2016 öffentlich auf facebook gestellt): 

  

Wie man von Böhmermann-Kritik psychische Krankheiten bekommt (also Leute:  laßt das besser bleiben...): 

Angeblich haben ihm andere zugetragen, was sich auf meiner Seite so tat - er selbst war ja blockiert und hätte eigentlich gar nciht lesen können, was ich da zu welchen Themen schreibe. Mitgetragen wurde diese Kampagne, die sich über Wochen hinzog und mich schhließlich für einige Tage auch ganz aus facebook hinausgedrängte, von Personen, die mich nicht kannten, mir nie begegnet, nie mit mir gesprochen hatten und folglich, das sagten manche auch selbst, nichts über mich wußten. Wie sich diese Posts und Kommentare gestalteten, kann ich hier aus Platzgründen nur anhand eines kleinen Ausschnittes zeigen - bei anderer Gelegenheit aber evtl. mehr davon. Jedenfalls wurde ein Sammelsurium an Vorwürfen zusammengetragen, die sich, sofern überhaupt politischer Natur, alle mehr oder weniger auf die Türkei und mein (mutmaßliches und tatsächliches) Verhältnis zu Türken bezogen.
Auf dem Höhepunkt der Kampagne demonstrierten Beteiligte dann (soweit nicht offen rechten Kreisen zugehörig, da muß man sich ja weniger Zwang antun) wiederholt und ausgiebig den Verlust der Fähigkeit oder des Willens, Korrelationen herzustellen zwischen dem  formalen Bekenntnis zu akzeptablen Diskussionsweisen und Umgangsformen und den eigenen realen Handlungsweisen. Die sich aus Sicht von Tappe & Konsorten ergebenden Konsequenzen für politische Meinungsdifferenzen, so wie dies aus ihren öffentlichen Bekundungen, Stellungnahmen und Urteilen hervorgeht: Psychiatrisierung und in Aussicht gestellte Entmündigung. Besonders häßlich ist das, da ich tatsächlich an Fibromyalgie erkrankt bin und es bekannt ist, daß Fibromyalgie-Patienten oftmals unter entsprechenden Vorurteilen und Stigmatisierungen leiden - über andere körperliche Gebrechen hätte man sich in diesen Kreisen vielleicht auf ähnliche Weise das Maul zerrissen. 

(Man beachte die schrittweise Eskalation)











Aus einer Art "Brief" an mich vom 21. Juli 2016, von Tappe formuliert (zur Sicherheit: das Stichwort "Geisteskrankheit" stammt aus meiner Beschreibung der tappeschen Hetz- und Diffamierungsstrategien, ich habe meinerseits keine Geisteskrankheits-Vorwürfe an ihn oder sein Umfeld getätigt) und auf facebook eingestellt:







(Zu den "wohlmeinenden Aktivistengruppen" eines Tobias Weihmann - antideutsches Umfeld, und ÖkoLinX-Splitterpartei - wie auch zu seinem eigenen Umgang mit Kritik und Widerspruch - "sensibel" träfe es ganz gut-, einem merkwürdigen Verständnis von Zusammenarbeit und Kooperation und etwaigen Gedächtnislücken Weihmanns in Bezug auf die Frage, wer warum welches Gespräch abgebrochen hat, ließen sich wohl auch noch ein paar Worte sagen, dies aber evtl. an anderer Stelle....)
Aus dem thread zu einem weiteren "Kommentar" Tappes vom 1. August:





Das frühzeitige Erkennen der "Zeichen" (ich würde da andere, nämlich politische, Warnzeichen erkennen wollen....):

 
Auch noch nett, aber - dem Leser sei es versichert - auf mich bezogen, nicht etwa auf die sich offenbarenden  Gruppendynamiken und eine fehlgesteuerte Facebook-Schwarmintelligenz: 




Zitierkunst, Wahrheit und Dichtung eines Historikerkollegen:

Gegen Ende möchte ich dann aber, weil ich mich hier ausgehend vom Spiegel-Artikel über Hetze im Netz nicht auf das Inhaltliche (die unterstellerischen, ehrenrührigen Behauptungen...), sondern die Form konzentriert habe, doch noch einen kleinen Eindruck von der Liebe zur wahrheitsgemäßen Darstellung und den Zitierkünsten des - nach eigenen Angaben studierten Historikers - Sönke Henning Tappe bieten:



  (gleichzeiitg der einzige direkte Einwand in der ganzen Kampagne, danke an Immo Moshagen)

Tatsächlich geschrieben und gepostet hatte ich folgendes, von dem aus dann Tappe sein "nahezu wörtliches Zitat" angefertig hatte:


(zu sehen sind u.a. Haßkommentare gegenüber zwei bekannten Islamwissenschaflern, wer sich das Original samt screenshots ansehen will, kann das gerne hier tun):

Und Helga Leutnecker, die sich mit eigenen Kommentaren an Tappes Vorgehensweise gegen mich beteiligt hatte, schreibt selbst in später Einsicht (nicht, daß sie sich in irgendeiner Form bei mir entschuldigt, zumindest hier auf abträgliche Charakterisierungen verzichtet, oder an Ort und Stelle etwas geradegerückt hätte.....):


Nun ja, es freut mich trotzdem, wenn noch nicht alle das Lesen und Verstehen im eigentlichen Sinne aufgegeben haben.

_____________________________________________
 * Bedeutung des Verbs "pervertieren" laut Duden:

1. verderben, verfälschen, ins Gegenteil, ins Negative verkehren
2. sich in etwas Negatives verkehren, verfälscht werden

Donnerstag, 19. Mai 2016

Boell-Stiftung machte Bock zum Gärtner - ZDF-Korrespondentin Anne Gellinek als "Aufklärerin"

folgender Text erchien zuerst auf der deutsch-türkischen Nachrichtenplattform NEX unter dem Titel:

Hier folgt die Textversion mit den vollständigen Quellenangaben/links:
 
ZDF-Korrespondentin Anne Gellinek:
Boell-Stiftung machte Bock zum Gärtner
Teilaufklärung über Kreml-Propaganda verscheiert die eigene Mitwirkung

 
Die Abwehr russischer Propaganda und die Einsicht in ihre destabilisierende Wirkung haben in Deutschland viel zu spät eingesetzt. Aufklärungsarbeit kommt nach wie vor nur schleppend voran. Jenseits der faktischen Richtigstellung besonders effektvoller Kreml-Lügen und einer bruchstückhaften Beschäftigung mit einzelnen Akteuren und deren Netzwerken lassen eine tiefgreifendere Beschäftigung mit den gesellschaftlichen und politischen Vorbedingungen für die Angreifbarkeit durch russische Propaganda weiterhin auf sich warten. So wird zwar viel von einer „hybriden“ Kriegsführung (auch: „innerer Zersetzung“) gesprochen, dann aber doch meist wieder in Rückgriff auf eine alte Schwarz-Weiß-Optik gedacht.

Der Kampf gegen das Erstarken totalitärer Strukturen wird in der öffentlichen Darstellung verengt auf die Konfrontation eines „demokratischen Europa“ mit den Machtambitionen des Kreml. Der Umstand, daß neben der Ukraine auch andere Nicht-EU-Länder wie die Türkei in erheblichem Ausmaß von russischen Propagandalügen und Destabilisierungsstrategien betroffen sind, findet bislang nicht ausreichend Berücksichtigung. Daß Rußland beim aktuellen Frontalangriff auf ein internationales System, das auf Demokratie, Menschenrechte und Völkerrecht baut, zwar mit gutem Recht als Hauptakteur bezeichnet werden kann, aber bei weitem nicht die einzige Störquelle darstellt, bleibt auf gleiche Weise unterbelichtet.

Insbesondere wird nicht angemessen herausgearbeitet, daß sich u.a. der Iran, Assad-Syrien und die PKK (sogar auch Nordkorea und Venezuela) ähnlich gearteter Desinformations- und Destabilisierungsstrategien bedienen und daß diese politischen Kräfte ihre Propaganda-Inhalte auch mit denen des Kreml abtimmen. Komplementär dazu wird verdrängt, welch große Rolle gerade westeuropäische und insbesondere deutsche Akteure beim Erstarken des Putinismus gespielt haben und wie diese mit dem Kreml und den herrschenden Kreisen „befreundeter“ Staaten vernetzt sind. Über die eigenen Demokratiefeinde, Lobbyisten im Bereich der Wirtschaft, Querfront*-Apologeten in den Medien und zivilgesellschaftliche „nützliche Idioten“ erfolgt der Angriff auf unser internationales System auch aus dem westeuropäischen Innern heraus.

In diesem Artikel wird es um eine deutsch-russische Partnerschaft bei der Aushöhlung unseres internationalen Wertesystems und die damit verbundene Ignoranz gegenüber den „anderen“ Opfern des Putinismus gehen. Und darum, wie tief sich antidemokratische Lobbynetzwerke in die deutsche „demokratische Mitte“ bereits eingegraben haben und wie groß die dadurch entstandenen Abhängigkeiten sind. Letzteres kann wohl kaum etwas besser verdeutlichen als der Umstand, daß nun ausgerechnet die Personen und politischen Netzwerke, die zuvor selbst kritische Stimmen ignoriert und unterdrückt, teils sogar russische Propagandaerzählungen verbreitet und von diesem Verhalten profitiert haben, nun auch noch mit Aufklärungsarbeit beauftragt werden.

Am 6. Mai 2015 hat die Grünen-nahe Boell-Stiftung in Brüssel eine Veranstaltung unter dem Titel „Experiences in Europe in the Hybrid Conflict. The manipulation of reality and what we can do about it(„Europäische Erfahrungen im hybriden Konflikt. Die Manipulation von Realität und was wir dagegen tun können“) durchgeführt. Die Veranstaltung erhob den Anspruch, sich auf allgemein-abstrakter Ebene der Herausforderung russischer Einflußnahmen zu stellen und mögliche Strategien im Umgang damit zu entwicklen. Teilnehmende waren Rebecca Harms (MdEP, Die Grünen), Mark Weinmeister (Staatssekretär für Europaangelegenheiten), Annette Riedel (EU-Korrespondentin des Deutschlandradio) und Peter Pomerantsev, ein exzellenter Analyst russischer Propagandastrategien. Geladen war allerdings auch Anne Gellinek, die zwar der deutschen demokratischen Öffentlichkeit nach wie vor als tadellose Journalistin gilt, aber hinsichtlich der „Manipulation von Realität“ zugunsten von Kreml-Interessen alles andere als ein unbeschriebenes Blatt ist.

Anne Gellinek war von 2008-2014 Leiterin des ZDF-Studios in Moskau und hat in dieser Position mehrere Reportagen zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi produziert. In keinem ihrer Beiträge haben die Tscherkessen als Ureinwohner der Region auch nur namentliche Erwähnung gefunden. Insbesondere in Anne Gellineks längerer Reportage „Durch den wilden Kaukasus“ wurde eine durch zahlreiche Quellen belegte blutige Kolonialgeschichte systematisch durch russische und (post-)sowjetische Geschichtsmythen ersetzt: Als „Urbevölkerung“ wurden beispielsweise die russischen Kosaken ausgegeben und anstatt an die Tscherkessen als Völkermordopfer zu erinnern, begleitete das ZDF-Team eine Feier zum Ende des „Großen Vaterländischen Krieges“. Die Hochebene von Kbaade wurde ausschließlich als „Krasnaja Poljana“ bezeichnet, ihre symbolische Bedeutung als Kulminationspunkt des russischen Vernichtungskrieges gegen die Tscherkessen blieb im Dunkeln.

Die heutige Lage ethnischer Minderheiten in der Region wurde insgesamt nicht thematisiert. Auch daß die turkstämmigen Balkaren, die zwar im Film gezeigt, aber ebenfalls nicht namentlich erwähnt werden, von Stalin deportiert worden waren, wurde verschwiegen. Somit konnten die Folgen der stalinschen Deportationen und der sowjetischen Zwangsmodernisierung als urige ländliche Rückständigkeit und Ausdruck eines Entwickungsdefizits ausgegeben werden, das aus den Traditionen der Dorfbevölkerung selbst erwächst. Das stillschweigende Hinweggehen über historische Verbrechen und über deren Langzeitfolgen, die Auslöschung der Erinnerung an die Opfer (etwa über die Tilgung alter Ortsnamen), die Übernahme der Geschichtsmythen der Täter und Besatzer sowie das Leugnen der historischen Existenz der jeweiligen Opfergruppe inklusive des hartnäckigen Ignorierens ihrer heutigen Nachkommen werden allerdings von Genozidforschern als Fortführung bzw. letztes Stadium eines Völkermordes angesehen.

Anne Gellinek ist studierte Osteuropa-Historikerin, intellektuelle Unbedarftheit und fehlendes fachliches Wissen darf man somit als Ursachen eines derartigen journalistischen Versagens nicht voraussetzen. Anzunehmen ist vielmehr, daß Anne Gellinek sich in einem Interessenskonflikt befand und vor diesem Hintergrund eine strategische Entscheidung zu Lasten von Völkermordopfern getroffen hat. Die ZDF-Korrespondentin war nämlich neben ihren „kritischen“ Reportagen auch als ZDF-Komentatorin der Olympiade vorgesehen gewesen – eine durchaus prestigeträchtige Rolle. Die Übertragungsrechte für die Spiele hatte das ZDF erstmals direkt vom Internationalen Olympischen Komitee erworben und dafür schätzungsweise einen Betrag in dreistelliger Millionenhöhe hingeblättert.

Im Umfeld der Olympischen Spiele in Sotschi wurden mehrfach ausländische Journalisten behindert. Im Oktober/November 2013 wurde der norwegische Reporter Øystein Bogen, der offenbar vom russischen Geheimdienst FSB auf eine Schwarze Liste gesetzt worden war, zusammen mit seinem Kameramann mittels ständiger Kontrollen schikaniert, schließlich sogar inhaftiert und verhört. Øystein Bogen war im Unterschied zu Gellinek in einer Video-Reportage tatsächlich auch auf die Tscherkessen eingegangen. Den niederländischen Journalisten Rob Hornstra und Arnold van Bruggen wurde im Herbst 2013 die Einreise nach Rußland verweigert, nachdem bei einem vorherigen Aufenthalt eine Deportation bereits angedroht worden war. Beide hatten sich im Rahmen ihres „The Sochi Project“ seit 2007 ausführlich mit der Geschichte der Region und den Tscherkessen beschäftigt. Ein MDR-Filmteam, das zumindest auf folkloristisch-touristische Weise die Tscherkessen zeigte, wurde zwar ebenfalls behindert (nicht unbedingt im Zusammenhang mit seinen Recherchethemen stehend), konnte seine Dreharbeiten aber immerhin erfolgreich abschließen.

Anne Gellinek samt Team hätte sich mit einer Berichterstattung über Tscherkessen und Balkaren eventuell Belästigungen durch russische Behörden ausgesetzt und maximal wohl einen Landesverweis riskiert. Ihre Mitwirkung an dem Prestigeprojekt „Sotschi 2014“ scheint sie jedoch fest im Auge gehabt zu haben. Ihr Ziel bei der Olympia-Kommentierung war es erklärtermaßen, auch den „Spaß an diesem internationalen Fest des Sports in Russland erlebbar“ zu machen, d.h. sie stand den Spielen dann letzendlich doch positiv gegenüber. Eventuell dachte sie sogar zu diesem Zeitpunkt noch daran (der Pressebericht bleibt hier undeutlich) ein Exklusivinterview mit Putin zu führen. Zumindest die mit der Kommentatorenrolle einhergehende Profilierung war ihr wohl einiges wert gewesen und man kann spekulieren, daß sie diese nicht aufs Spiel setzen wollte. Jedoch behauptete sie ausdrücklich, sie sei bei den Dreharbeiten zu „Durch den wilden Kaukasus“ keinem Druck ausgesetzt und nicht behindert worden, auch wenn sie sich jeden Schritt hätte genehmigen lassen müssen.

Nun ist es nicht so, daß in Putin-Rußland keinerlei Form von kritischem Journalismus mehr möglich wäre. Laut „Welt“-Korrespondentin Julia Smirnova variiert der Grad der Pressefreiheit von Region zu Region und hängt „von der jeweiligen politischen Situation, den kommunalen Behörden und dem Mut der Journalisten vor Ort“ ab. Über Korruptionsfälle etwa darf eher berichtet werden als über andere Themen. Heikle Angelegenheiten können von russischen Medienanstalten dann aufgegriffen werden, wenn sie bereits internationale Resonanz erfahren haben. In Bezug auf die Sotschi-Berichterstattung hatten sich russische Behörden allerdings besonders repressiv gezeigt. Wenn staatsnahe russische Medien bisweilen dann doch kritisch berichteten, so vollzog sich diese Kritik doch in streng begrenztem Rahmen und bedurfte vorheriger Erlaubnis. Ethnische Spannungen und die blutige Kolonialgeschichte der Region gehörten ganz offensichtlich nicht zu den geduldeten Themen.
Umso mehr ist für Anne Gellinek eine Vermeidungshaltung anzunehmen. Gellineks Reportagen suggerierten zwar einen kritischen Rundumblick, konzentrierten sich aber auf Korruption, Umweltschutz, Repression der LGBT-Bewegung, Behördenwillkür, Arbeitnehmerrechte und erboste Anwohner. Hier scheint sich die ZDF-Korrespondentin für ihre „Olympiakritik“ in etwa den Rahmen gesteckt zu haben, der aus Sicht russischer Behörden gerade noch so eben zulässig oder in dieser Form bereits von Anderen ausgehandelt worden war. Sie hat sich jedenfalls aus einem breiteren Themenspektrum diejenigen „kritischen“ Themen herausgepickt, die im Vergleich zu anderen als weniger heikel erscheinen. Eine Beschäftigung mit Tscherkessen und Balkaren hätte dagegen geheißen, bewußt anzuecken und einen zermürbenden Kampf um Deutungshoheiten führen zu müssen. Die Aufgabe ausländischer Journalisten wäre es gemäß sachkundiger Empfehlungen allerdings gewesen, die lokalen Beschränkungen journalistischer Arbeit nicht hinzunehmen, vielmehr Tabus offensiv anzugehen und damit auch einheimischen Kollegen ein Stück weit den Weg zu öffnen. In ihrem Ignorieren der ethnischen Minderheiten der Region hat Gellinek aber gerade diejenigen, die besonders unter dem russischen Repressionsdruck zu leiden hatten, ein weiteres Mal benachteiligt.

Eine Selbstzensur aus opportunistischen Beweggründen steht in starkem Kontrast zu Anne Gellineks Selbstinszenierung. Sie präsentiert sich als besonders unerschrockene Journalistin, die unheimlich „taff nachfragen“ kann. Sie beklagt sogar, daß es unter den gegebenen politischen Umständen in Rußland für sie schwierig geworden sei, noch in ausreichendem Maße kritische Interviewpartner für ihre Filme zu finden. Ein Angebot an das ZDF, Kontakte zu Tscherkessen herzustellen wie zu Personen, die sich mit der Situation der Tscherkessen befassen, wurde allerdings stillschweigend abgelehnt. Indem Gellinek bewußte Auslassungen und vorhandene Beschränkungen nicht einmal benennt, wird ihre selektive Kritik zu Augenwischerei. Ihr nur scheinbar schonungsloser Blick „hinter die Kulissen“ baut gleichzeitig neue Kulissen auf. Die Illusion von Vielfalt bzw. begrenzte und kanalisierbare Kritik liegen in gewissem Sinne sogar im Interesse des Kreml. Vorgeschobene Kritik, in Russland auch „Hofkritik“ genannt, wird von ihm manchmal als Ventil eingesetzt, um eine Opposition, die ihm wirklich gefährlich werden könnte, niederzuhalten.

Nun sollte man nicht behaupten, daß das, was Anne Gellinek berichtet hat, den russischen Autoritäten in keinem Falle wehgetan hat. Trotzdem kommt hier der Eindruck eines Kuhhandels auf, mittels dessen der russischen Seite ein Berühren ihrer wundesten Punkte erspart blieb. In Anlehnung an ein philosophisches Begrifffspaar könnte man sagen, daß Anne Gellinek vorwiegend „bekannte Unbekannte“ behandelt und Abstand genommen hat von den „unbekannten Unbekannten“, also von jenen Problemthemen, von denen ein westeuropäisches Publikum aufgrund erfolgreicher russischer Repressionsmaßnahmen meist nicht einmal wußte und in Bezug auf die es demzufolge auch nicht kritisch nachfragen kann. Daß das nach außen getragene Bild schonungsloser Aufklärung über die Schattenseiten von Sotschi 2014 verfangen hat, entnimmt man etwa einem Medienkommentar in Die ZEIT: Dieser moniert die weitgehend unkritische Olmypia-Berichterstattung von ARD und ZDF, lobt aber ausdrücklich Anne Gellineks „Durch den wilden Kaukasus“ als „tiefgründige Reportage“. Auch Betreiber kremlnaher „Alternativplattformen“ halten die ZDF-Korrespondentin für eine Vertreterin entschieden russland- und iranfeindlicher Sichtweisen und greifen sie deswegen wütend an.

Indem die Boell-Stiftung mit Anne Gellinek eine Vertreterin russischen Geschichtsrevisionismus als „Expertin“ für russische Desinformationspolitik einlädt, weist sie ihr eine Aufgabe zu, die diese umfänglich gar nicht erfüllen kann – jedenfalls nicht, wenn sie ihre eigene Beteiligung nicht offenlegt. Auf diesem Wege werden Angepaßte gefördert, d.h. diejenigen Funktionsträger, die auf entsprechende äußere Anreize regieren und damit manipulierbar sind. Die Botschaft, die die Organisatoren der Konferenz in der Sache vermitteln, ist die, daß die Leugnung ethnischer Säuberungen und genozidaler Gewalt nicht ins Gewicht fällt: Nach wie vor muß niemand mit realen Konsequenzen rechnen, wenn es sich bei den Betroffenen um Balkaren oder Tscherkessen und damit um Opfergruppen ohne nennenswerte Lobby handelt. Wenn sich hingegen die öffentliche Aufmerksamkeit auf armenische Angelegenheiten und darüber vermittelt europäische Interessen richtet, fordern Grüne und Andere vehement, es dürfe keinen „devoten Umgang“ mit der Türkei geben und man solle sich von Erdoğan nicht „erpressen“ lassen. In Bezug auf die vorwiegend muslimischen Nordkaukasier wird vorauseilender Gehorsam gegenüber dem Kreml nicht nur als gesellschafts- und politiktauglich zugelassen, sondern indirekt sogar mit dem Status des „kritischen“ Experten belohnt. Den Machthabern in Rußland dürfte diese Form halbherziger, dafür aber stark polarisierender „Rußlandkritik“ letztendlich entgegenkommen.

Die deutsche Öffentlichkeit insgesamt scheint bislang kein nennenswertes Problem mit dem Umstand zu haben, daß Personen und Personenkreise mit der Abwehr russischer Propaganda befaßt sind, die Aufklärungsarbeit zuvor behindert hatten. So fühlt man sich nach wie vor nicht einmal bemüßigt, fehlerhafte, geschichtsklitternde Darstellungen öffentlich-rechtlicher Sender richtigzustellen und auf die generelle Einhaltung beruflicher Standards zu dringen, statt sich an der kurzfristigen „Nützlichkeit“ prominenter Meinungsmacher zu orientieren. Einem massiven Propagandaansturm Rußlands und verbündeter Mächte dürfte auf diesem Wege, d.h. ohne selbstkritische Analyse der eigenen Verflechtungen und Vereinnahmungen, kaum zu begegnen sein. Das Resumée besagter Boell-Konferenz fiel denn auch so banal wie selbstbetrügerisch aus: Die EU solle sich nicht auf das Niveau des Kreml herabbegeben und den russischen Informationskrieg nicht mit eigener Propaganda beantworten. Anne Gellinek selbst muß auf dieser Konferenz die feste Überzeugung vertreten haben, daß es möglich sei, Lüge und Wahrheit voneinander zu unterscheiden und daß es der Beruf eines Journalisten sei, die Fakten zu überprüfen.


* „Querfront“ meint den Zusammenschluß linksautoritärer und rechter/rechtsextremer Kräfte zu einer antifreiheitlichen Allianz.

Sonntag, 7. Februar 2016

Presseratsbeschwerde: TAZ - Interview mit Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber über "Blutrache"

Am 6.2.2016 wurde von mir folgendes Schreiben an den Presserat versandt:

                                                                                                  



                                                                                                      Istanbul, den 6.2.2016

Sehr geehrte Damen und Herren,

Hiermit möchte ich Beschwerde einreichen im Sinne des Pressekodex und bitte Sie, die notwendigen Überprüfungen vorzunehmen.

Beanstandete Veröffentlichung

Titel: Psychologin über Blutrache. „Eine grandios-narzisstische Geste“. Womit wird die Selbstjustiz gerechtfertigt? Die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts über Gerechtigkeit und kollektive Kränkungen.

Genre: Interview

Verantwortlicher Journalist/Interviewführung: Johannes Pitsch

Interviewte: Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber (Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt/Main)

Datum: 7.2.2015 (ohne Uhrzeitangabe)

Erscheinungsort: die tageszeitung (TAZ), online unter: http://www.taz.de/!5021542/

Grund der Beanstandung

Diskriminierung von Minderheiten/volksverhetzende Wirkung


Begründung:

Das Interview verfolgt offenkundig das Ziel, die Charlie Hebdo-Attentate in einen weiteren soziopolitischen Rahmen einzuordnen und im Rückgriff auf wissenschaftliche Theorien der Öffentlichkeit in ihren Ursachen verständlicher zu machen – und damit auch indirekt Anregungen für künftige Präventionsarbeit zu geben. Durch die Taz selbst (Überschrift, Unterzeile, Fragestellungen, Bildunterschrift) wird hierbei von Anfang an das Phänomen des internationalen Terrorismus, das sich gegen staatlich organisierte Gesellschaften richtet, primär als Kommunikationsstrategie zu verstehen ist und weitgehend ein Phänomen der Moderne bzw. Postmoderne darstellt, mit der Institution der Blutrache vermischt und diese dann wiederum mit individualpsychologischen Zuständen und gruppenpsychologischen Phänomenen (im Text: „Wut“, „Rache“, „Kränkungen“) in Verbindung gebracht.

„Blutrache“ ist üblicherweise ein Forschungsgebiet für Ethnologen oder historisch arbeitende Kulturwissenschaftler, es handelt sich bei ihr um einen Mechanismus zur Konfliktaustragung und -beilegung, wie er für segmentäre bzw. staatsferne Gesellschaften typisch ist. Sie folgt einem mündlich überlieferten, teils auch schriftlich fixiertem Kodex, dient der Herstellung bzw. Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Normen und Ordnungen unter Bedingungen der Abwesenheit eines zentralstaatlichen Gewaltenmonopols und hebt sich damit von außergesetzlichen Willkürakten („Selbstjustiz), die gegen eine bestehende gesellschaftliche oder staatliche Ordnung gerichtet sind, ab. Die Blutrache ist Bestandteil eines Rechtssystems, auch wenn dieses westlichen Gesellschaften - mittlerweile - fremd erscheinen mag und die Blutrache selbst modernen rechtsstaatlichen Prinzipien zuwiderläuft. Demzufolge kann man sehr wohl – jenseits kulturrelativistischer Befindlichkeiten - die Sinnhaftigkeit der entsprechenden Normen und Regeln hinterfragen oder sogar deren Abschaffung fordern, sollte man aber konzeptual zwischen „Terrorismus“ als politischem Phänomen, „Blutrache“ als innerhalb bestimmter Gesellschaftsformen vertretener soziopolitischer Institution und individual- oder gruppenpsychologisch motivierten Straf- und Gewalttaten trennen.

Eine Ineinssetzung bzw. Inbezugsetzung , wie sie in der TAZ de facto vorgenommen wird, knüpft an veraltete, wissenschaftlich diskreditierte Lehren aus dem 19./ beginnenden 20. Jahrhundert an, insbesondere an die Völkerpsychologie in ihrer Verbindung mit Kulturevolutionismus. Im Kern beinhalteten diese Lehren die Vorstellung einer Stufenabfolge menschlicher Zivilisation und das Postulat, daß andere (außereuropäische) Völker auf früheren Evolutionsstufen ständen. Man glaubte, daß die Völker, mit denen man im Zuge der Kolonialisierung in Kontakt gekommen war, in Bezug auf westeuropäische Gesellschaften sozusagen „lebendige“ Vergangenheit seien und sich im Vergleich mit den moderneren ,fortgeschritteneren Europäern durch eine mangelnde geistige/intellektuelle und emotionale Reife auszeichnen würden und etwa auch – in einer Parallele zur kindlichen Entwicklung – durch mangelnde Affektkontrolle auffielen. Institutionen wie „Blutrache“ in diesem Sinne als „kulturelle Regression in archaische Zeiten“ (Leuzinger-Bohleber) darzustellen, wie dies in der fraglichen TAZ-Veröffentlichung geschieht, gilt in der heutigen Ethnologie nicht mehr als angemessen. Des weiteren werden die von Redaktion und der Interviewten vorgenommenen Verknüpfungen auch nicht näher explifiziert bzw. mit Bezugnahme auf konkrete Sachzusammenhänge hinreichend begründet.

Vor diesem theoretischen Hintergrund oder Setting, das, soweit ersichtlich, von der TAZ selbst so gewählt wurde, werden im Verlauf des Interviews ethnisch und religiös definierte Kollektive in die Nähe von Straftaten bzw. terroristische Akte oder deren Gutheißung gerückt. Ich beziehe mich im folgenden konkret auf die Aussagen, die auf „Tschetschenien“ und „muslimische Gläubige“ in Tschetschenien bezogen sind, da hier mein eigenes Arbeitsgebiet und meine Fachkompetenzen am stärksten berührt sind. Die entsprechende Passage wird eingeleitet durch die explizite Frage des TAZ-Journalisten nach „Kränkungen“ und „kollektivpsychologische[n] Ursachen“ für die Tatsache, daß andernorts (in der TAZ-Veröffentlichung geographisch und religiös konnotiert, wie etwa die Formulierung „in der muslimischen Welt“ und die Bildunterschrift „In Afghanistan zeigt sich die Wut von Demonstranten gegen „Charlie Hebdo“” belegen) die Anschläge auf Charlie Hebdo „als verhältnismäßig wahrgenommen“ worden seien. Ich zitiere:

Johannes Pitsch:
Die Attentate stießen nicht überall auf Unverständnis, sondern wurden als verhältnismäßig wahrgenommen. Könnten die Kriege des sogenannten Westens in der muslimischen Welt und die Dämonisierung des Islams kollektivpsychologische Ursachen dafür sein?“
Marianne Leuzinger-Bohleber:
Ja, so gab es zum Beispiel in Tschetschenien Demonstrationen gegen Charlie Hebdo, in denen muslimische Gläubige die Karikaturisten beschuldigten, den Propheten und damit gläubige Muslims beleidigt zu haben. Dadurch trügen sie eine Mitschuld an ihrer Ermordung. Bei diesen Demonstranten spielen vermutlich die kollektiven Kränkungen durch die „Kriege des sogenannten Westens“ gegen Irak oder islamistische Terrorgruppen wie die IS durchaus eine Rolle.“
Auf einer faktischen, pragmatischen Ebene ist diese Darstellung verzerrend, da sie die Repressivität des Kadyrow-Regimes und damit die „Freiwilligkeit“ derartiger Demonstrationen ignoriert und dadurch – weitgehend im Sinne Putins – eine scheinbare Mehrheit an Tschetschenen zu „Terrorismusverstehern“ macht. Angesichts der Tatsache, daß die tschetschenische Exilregierung über ihren Vertreter Akhmed Zakayev die Attentate umgehend als „brutal“ und „inhuman“ verurteilt hatte und überdies noch betonte, daß Tschetschenen sehr gut nachvollziehen könnten, was es heiße, wenn im Zuge eines Streben nach Freiheit und Demokratie Journalisten und Menschenrechtler Gewalttaten zum Opfer fielen, mutet die Herstellung eines Zusammenhangs zu einer „tiefe[n] Enttäuschung an westlichen Werten“ (Leuzinger-Bohleber) hier geradezu grotesk an. Damit werden politische Zusammenhänge entstellt wiedergegeben, bis hin zu ihrer Verkehrung ins genaue Gegenteil.
Auf einer theoretisch-analytischen Ebene fällt auf, daß die Darstellung Leuzinger-Bohlebers an kolonialrassistische Stereotypen des 19. Jahrhunderts anschließt, insbesondere an die des „rachsüchtigen Tschetschenen“. Der Topos des gewaltaffinen, kriminellen und unbeherrschten Nordkaukasiers reicht zurück in die Zeit der Eroberung des Kaukasus durch das Zarenreich. In deren Zuge haben sich tiefsitzende kulturelle Codes herausgebildet, die auch dann aktiviert werden, wenn sich der Verwender deren Implikationen nicht oder nicht voll bewußt ist. Das Bild des unbeherrschten und unbeherrschbaren, rachsüchtigen, impulsiven Nordkaukasiers hatte u.a. die Funktion, die ordnungsstiftende und zivilisierende Rolle der russischen Militärverwaltung hervorzuheben und damit die russische Eroberung zu legitimieren. In seiner Extremform bildete es Teil genozialer Diskurse, diente der Vorbereitung, Durchführung und nachträglichen Rechtfertigung einer Politik der Massaker, der Hungerblockade, der Vertreibungen und der (zumindest kulturellen) Exterminierung. Heutigen Nordkaukasiern sind diese diskursiven Zusammenhänge durchaus noch präsent.

In Anbetracht dieser Tatsachen möchte ich Sie bitten, zu überprüfen, inwiefern hier, d.h. insbesondere mit dem Rekurs auf kolonialrassistische Stereotypen, Ziffer 1 („Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde“), Ziffer 10 („Religion, Weltanschauung, Sitte“) und Ziffer 12 („Berichterstattung über Straftaten“) des deutschen Pressekodexes verletzt wurden. Meines Erachtens wird im vorliegenden Interview mittels verzerrender Fragestellungen und Deutungsweisen ein - sachlich nicht gegebener Zusammenhang - zwischen tschetschenischer „Mentalität“ (so möchte ich Leuzinger-Bohlebers Ausführungen hier einmal sinngemäß zusammenfassen) und einem terroristischen Verbrechen hergestellt bzw. ein solcher zumindest dem Leser gegenüber insinuiert. Mit dem vorliegenden Interview wird ethnische und religiöse Stereotypenbildung befördert und werden bereits vorhandene Vorurteile gegenüber den erwähnten Gruppen geschürt und „wissenschaftlich“ bestätigt. Die Veröffentlichung ist damit, gerade zu Zeiten von Bewegungen wie Pegida, geeignet, ein friedliches Zusammenleben innerhalb Deutschlands zu gefährden und dort volksverhetzende Wirkung zu entfalten. Ich sehe die Aufgabe von Medien gerade auch in der Aufklärung über derartige Sterotypen und Klischees und deren ideengeschichtliche Herkunft wie auch deren aktuelle politische Nutzbarmachung (Instrumentalisierung) und bin der Ansicht, daß hier das vorliegende Interview einen gegenteiligen Effekt hat.

Mir ist bewußt, daß Interviews oftmals die Funktion haben, die „Meinungen“ und Positionen bestimmter Personen abzubilden, unabhängig davon, ob diese Meinungen und Positionen nun faktisch korrekt bzw. nachvollziehbar oder ethisch teilbar sind, sowie daß hier dann entsprechend das Gebot der Meinungsfreiheit greift. Allerdings handelt es sich meiner Auffassung nach im vorliegenden Fall weniger um ein personenbezogenes, denn um ein sachzentriertes Interview. Das Interview hat die Gestalt einer Kommentierung bzw. Analyse des Zeitgeschehens aus Expertensicht und konzentriert sich gerade nicht darauf, eine bestimmte Wissenschaftlerin und die von ihr betriebene Forschung vorzustellen. Berücksichtigt werden sollte auch, daß Aussagen von Akademikern in einer modernen Informationsgesellschaft für gewöhnlich ein besonders hohes Maß an Autorität und Legitimität besitzen, einem allgemeinen Publikum „Wahrhaftigkeit“ signalisieren und daß ihnen hiermit in besonderem Maße eine meinungsbildende Wirkung zukommt.

Meiner Auffassung nach hat die TAZ auch selbst in erheblichem Maße ihre eigene Sorgfaltspflicht (Ziffer 2, Pressekodex) verletzt. Daß in der Interviewführung bedeutsame Fehler gemacht wurden, wurde hier bereits in der Form angesprochen, daß der Interviewer mit seinen Fragen und Stichworten bereits selbst einen einen fragwürdigen Rahmen absteckt. Frau Leuzinger-Bohleber hat sich bedauerlicherweise an etlichen Stellen (nicht überall) hierauf eingelassen. Hiermit in Zusammenhang stehend ist zu beobachten, daß die im Interview berührten Themengebiete zu einem beträchtlichen Teil nicht mit den Fachkompetenzen bzw. dem akademischen Profil der Interviewten übereinstimmen, die konkrete Themenstellung für eine Psychologin eher ungeeignet und unvorteilhaft war. Zu bemängeln ist insbesondere, daß die TAZ weder durch Nachfragen während des Interviews noch durch eine nachträglich hinzugefügte Begleitnotiz kenntlich gemacht hat, wo sich Frau Leuzinger-Bohleber als Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts äußert und wo sie lediglich ihrer persönlichen, auf Laienurteilen basierenden Meinung Ausdruck verleiht (wie eben in oben zitierter Passage zu Tschetschenien). Für den Laienleser dürfte damit kaum nachvollziehbar sein, welche der im Interview getroffenen Aussagen denn auch tatsächlich wissenschaftlich untermauert sind. Auch sollte Wissenschaftsjournalismus, und hierum handelt es sich strenggenommen, auf wissenschaftliche Standards Rücksicht zu nehmen und veraltete Theorien nicht einem allgemeinen Publikum als aktuellen Kenntnisstand anbieten.

Auf die Mängel des Interviews aus fachlicher Sicht war die TAZ von mir bereits in Kurzform, u.a. per email, bereits hingewiesen worden, hat hierauf aber nicht reagiert bzw. sogar entsprechende Leserkommentare meinerseits einfach gelöscht, so daß zusätzlich fraglich ist, ob die TAZ hier nicht ihre Pflicht zur Richtigstellungverletzt hat (Ziffer 3 „Richtigstellung“ , evtl. zusätzlich Ziffer 2.6 „Leserbriefe“, Ziffer 2.7 „Nutzerbeiträge“ des Pressekodexes). Diese Nichtkorrektur dürfte auch praktische Relevanz haben insofern, als Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber u.a. in der Traumaarbeit mit Flüchtlingen tätig ist. Sie und andere sollten auf die – zugegebenerweise bei uns noch wenig bekannten – entsprechenden Klischees und Stereotypen sowie deren kolonialgeschichtliche Herleitung hingewiesen werden. Ansonsten besteht Gefahr, daß Flüchtlinge aus der Rußländischen Föderation und Syrien (dort existierte bislang eine nordkaukasische Diaspora) in deutschen Hilfseinrichtungen bzw. von Psychologenseite mit genau denjenigen Stereotypen und rassistischen Klischees konfrontiert werden, die in ihrer Heimat nicht nur weitverbreitet sind und dort für ein feindseliges Klima sorgen, sondern unter Umständen sogar als Rechtfertigung für Repression, Verfolgung und Folter gedient haben.

Da die von mir hier angesprochenen Sachverhalte und Zusammenhänge bzw. die Themengebiete, die von meinen Ausführungen berührt werden, einer allgemeinen Öffentlichkeit eher unbekannt sein dürften, habe ich mir erlaubt, als Ergänzung zum gegenwärtigen Schreiben meine Kritikpunkte an der fraglichen Publikation noch einmal gesondert in einem Blogtext (abrufbar unter: http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com.tr/2016/02/der-rachsuchtige-tschetschene-wie-die_6.html) zu benennen. Bitte beachten Sie, daß Sie dort auch die entsprechenden Belege und Verweise auf die Fachliteratur finden.



Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen,

                                                                      Irma Kreiten, Historikerin und Ethnologin (M.A.)

Samstag, 6. Februar 2016

Der "rachsüchtige Tschetschene" - Wie die taz Kolonialrassismus befördert

Am 7.2.2015 ist in der TAZ ein Interview unter dem Titel: „Psychologin über Blutrache. „Eine grandios-narzisstische Geste“. - Womit wird die Selbstjustiz gerechtfertigt? Die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts über Gerechtigkeit und kollektive Kränkungenerschienen, das mir durch Tendentiosität und Unprofessionalität in mehrerlei Hinsicht aufgefallen war. Interviewt wird Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des in Frankfurt/Main beheimateten Sigmund Freud-Instituts, Interviewer ist ein noch sehr junger Redakteur, der bislang vor allem zu popkulturellen Themen geschrieben hatte, keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet des Wissenschaftsjournalismus vorzuweisen hatte und offenkundig fachlich um einiges überfordert gewesen war. Die TAZ-Redaktion hat sich offenbar nicht bemüßigt gesehen, auf meine kurzgehaltenen Hinweise auf die Problematik des Interviews mit Marianne Leuzinger-Bohleber einzugehen. Da die Redaktion ohnehin bereits über einen längeren Zeitpunkt hinweg mir gegenüber einen bemerkenswerten Mangel an Sinn für gute Umgangsformen bewiesen hatte, wähle ich nun den formellen Weg jenseits der Befugnisse der TAZ. Der hier folgende Text dient der Benennung meiner Kritik im Detail und ihrer sachgerechten Begründung. 
 
Tschetschenien, Hort der Terrorismusversteher

Ich beginne mit einer Analyse derjenigen im Interview getroffenen Aussagen, die mein eigenes wissenschaftliches Arbeitsgebiet (ethnologisch-historische Beschäftigung mit der russischen Unterwerfung des Nordkaukasus und den zugehörigen Kolonialdiskursen) am unmittelbarsten betreffen. Leuzinger-Bohleber tätigt im Interview Aussagen zu Tschetschenien und Tschetschenen als ethnischem Kollektiv, die eine hohe Suggestionskraft besitzen, geeignet sind, ohnehin in der westeuropäischen Bevölkerung vorhandene, massive Feindbilder „wissenschaftlich“ zu bestätigen und weiterzutradieren und darum so nicht stehenbleiben dürfen. In der fraglichen Passage beantwortet Leuzinger-Bohleber die Frage nach „kollektivpsychologische[n] Ursachen“ dafür, daß die Charlie-Hebdo-Attentate „nicht überall auf Unverständnis“ gestoßen wären, sondern in manchen Teilen der Welt „als verhältnismäßig wahrgenommen“ worden seien. Ich zitiere sie hier im Ganzen:

Ja, so gab es zum Beispiel in Tschetschenien Demonstrationen gegen Charlie Hebdo, in denen muslimische Gläubige die Karikaturisten beschuldigten, den Propheten und damit gläubige Muslims beleidigt zu haben. Dadurch trügen sie eine Mitschuld an ihrer Ermordung. Bei diesen Demonstranten spielen vermutlich die kollektiven Kränkungen durch die „Kriege des sogenannten Westens“ gegen Irak oder islamistische Terrorgruppen wie die IS durchaus eine Rolle.“

Frau Leuzinger-Bohleber leistet hier unzulässige kulturalistische Verkürzungen, die die politisch äußerst repressive Situation in Tschetschenien vollkommen ausklammern. Es wäre bereits den damaligen, problemlos erhältlichen westlichen Presseberichten zu entnehmen gewesen, daß die tschetschenischen Proteste gegen Charlie Hebdo von Kadyrow angeleiert und forciert worden waren und auch er selbst die zentrale Rede hielt, in der die "Beleidigung der religiösen Gefühle" durch Charlie Hebdo verurteilt wurde. Demonstranten berichteten, daß sie zur Teilnahme gezwungen worden waren.i Mit Druck und Drohungen inszenierte, nur scheinbar spontane Massenproteste“ sind für das Tschetschenien des von Putin unterstützten, autoritär regierenden Ramzan Kadyrow ohnehin nichts Unübliches.ii Auch dürften diese Proteste kaum ohne Billigung Moskaus erfolgt sein, die Demonstrationen in Tschetschenien lagen auf Kreml-Linie zumindest insofern, als die staatliche Informationsaufsichtsbehörde Roskomnadzor gewarnt hatte, daß die Weiterveröffentlichung von Charlie Hebdo-Cartoons in Rußland als Straftatbestand gewertet werden könne.iii

Die offizielle russische Reaktion auf Charlie Hebdo kann als ambivalent gewertet werden.iv In Richtung auf seine westlichen Gesprächspartner hin drückte der russische Präsident Bedauern aus. Das russische Boulevardblatt "Komsomolskaya Pravda" etwa wartete hingegen mit antiamerikanischen Verschwörungstheorien auf und erklärte ausführlich, aus welchen Gründen man sich gerade nicht mit Charlie Hebdo identifiziere.v Von Seiten eines Sprechers der Orthodoxen Kirche wurden – in einer Parallele zur Roskomnadzor-Verordnung – "religiöse Gefühle" explizit dem Recht auf freie Meinungsäußerung vorgeordnet.vi Den tschetschenischen Protesten gegen Charlie Hebdo schlossen sich auch russische orthodoxe Prälaten an, wohingegen zwei Demonstranten mit "Je suis Charlie"-Plakaten in Moskau festgenommen wurden. Eine Gruppe radikaler russisch-orthodoxer Aktivisten, die für ihren öffentliche Aktionen gegen "Blasphemie" bekannt ist, sah in dem Anschlag auf Charlie Hebdo sogar eine gerechte Strafe Gottes.vii
 
Von einer "archaischen" Gemütsverfassung des russischen Volkes, der orthodoxen Gläubigen oder gar der Tradition des russischen "Duells" als Form der außergerichtlichen Konfliktbearbeitung mit oftmals tödlichem Ausgangviii spricht Frau Leuzinger-Bohleber hier jedoch nicht, "Rachegefühle" als Movens kollektiven Handelns bleiben dem nichteuropäischen „Anderen“ vorbehalten, werden für den postsowjetischen Raum allein auf tschetschenische Muslime und deren nicht näher erläuterte Demütigungserfahrungen projiziert. Umgekehrt findet die Tatsache, daß Tschetschenen sich explizit gegen terroristische Vorgehensweisen ausgesprochen hatten, keinerlei Erwähnung. Akhmed Zakayev, Kopf der offiziell nicht anerkannten tschetschenischen Exilregierung “Itsckeria“, hatte sofort nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo eine Solidaritätsbotschaft an den französischen Präsidenten, an die Redaktion Charlie Hebdo und allgemein an "die Bürger Frankreichs" versandt, den Angriff auf die Satirezeitschrift scharf verurteilt und betont, daß gerade auch die Tschetschenen wüßten, was es heißt, wenn Journalisten und Menschenrechtler aufgrund deren Einsatzes für Menschenrechte und Demokratie umgebracht werden.ix Wie seltsam mutet es angesichts dessen an, wenn jemand, der über mögliche „Demütigungserfahrungen“ spekuliert, überhaupt nicht darüber reflektiert, daß solche gerade auch im Verwehren von – sehnlich erwünschten – demokratischen Strukturen gegeben sein könnten. 
 
Kurzum: Im entsprechenden Interviewabschnitt wird das mittlerweile international gängige Stereotyp vom ungehobelten, ungezügelten, gewaltaffinen Tschetschenen bedient. „Hard facts“ aus dem aktuellen Nachrichtengeschehen, die hier zumindest partiell korrigierend gewirkt hätten, werden ausgelassen oder verzerrend wiedergegeben. Der Redakteur läßt dies ohne kritische Nachfragen und Korrekturen einfach so stehen. Karikatur, wie sie im Interesse des Kreml Verbreitung findet.

Kolonialrassistische Stereotypen und ihre Verwendung in genozidalen Diskursen
Der „wilde Nordkaukasier“ ist keineswegs ein Produkt der beiden Tschetschenienkriege der 1990er oder einer nachträglichen Stereotypisierung einer international auffälligen, ethnisch konnotierten Tätergruppe, die entsprechenden Topoi gehen auf die blutige zaristische Kolonialisierung des Kaukasus im 19. Jahrhundert zurück, haben diese begleitet und begründet/legitimiert. Es existiert in hinreichendem Maße bereits (öffentlich zugängliche!) Fachliteratur zu diesem Thema, die ich hier – zusammen mit meinen eigenen Forschungen – in Ausschnitten bzw. wesentlichen Punkten vorstellen werde. Die Auseinandersetzung mit dem (Nord-)Kaukasus hat Rußland gerade im kulturellen Bereich in einem Maße geprägt, wie dies keine andere Region in der gesamten russische Kolonialgeschichte vermochte.x Hierüber haben sich tief im gesellschaftlichen Bewußtsein verankerte Codes herausgebildet, die auch wirken, wo offener Rassismus nicht das Ziel ist. Sogar im russischen Wiegenlied (mit Text von Michail Lermontov) ist vom bösen Tschetschenen die Rede, der nachts am Flußufer herumschleicht und sein Messer wetzt.xi
 
Nationaldichter Alexander Puschkin, dessen eigener Umgang mit dem Nordkaukasus zwar multisemantisch war, aber eben auch das Bild des von Natur aus gewalttätigen Bergbewohners beinhaltete, beschrieb in ikonisch gewordenen Zeilen das Wesen des Nordkaukasiers soxii:

Es gibt kaum eine Möglichkeit, sie zu befrieden, es sei denn, man entwaffnete sie, wie man die Krimtataren entwaffnet hat, was überaus schwierig durchzuführen ist in Folge der unter ihnen herrschenden Erbstreitigkeiten und der Blutrache. Dolch und Säbel sind Teile ihres Körpers, und der Säugling beginnt sie zu beherrschen, noch ehe er sein erstes Wort stammelt. Mord ist bei ihnen - nur eine Körperbewegung.

Der Topos vom wilden, impulsiven, ungezügelten Kaukasier diente russischen Intellektuellen, Militärs und Verwaltunsbeamten der Rechtfertigung eines kolonialen Projektes. Der Zustand von Willkür, in dem sich die lokalen Gesellschaften angeblich befanden, verlangten nach der ordnenden und zivilisierenden Hand der Kolonialverwaltung und einer allmählichen Erziehung hin zu mehr Selbstkontrolle und einer Wandlung “problematischer” Mentalitäten. Zum russischen Kolonialmythos dazu gehörte die Vorstellung, daß die Expansion in den Kaukasus nicht von Gier oder territorialen Gelüsten getrieben sei, sondern vom Vorhaben, der örtlichen Bevölkerung Recht und Gesetz zu bringen, damit ein “ziviles”, friedliches Leben überhaupt erst möglich zu machen. “Wildheit” und Affektgesteuertheit/Abwesenheit ausreichender Selbstkontrolle wurde dabei u.a. auch mit krimineller Veranlagung gleichgesetzt und die russische Kolonialgesellschaft erfreute sich an sensationalistischen Geschichten über Mord, Raub, Eifersuchtsdramen und Gewalt in der Familie, die als Ausdruck eines nordkaukasischen Volkscharakters gelesen wurden. xiii

Laut Harsha Ram, einem amerikanischen Russisten und Literaturwissenschaftler, bestand der russische „Tschetschenen“-Mythos im Kern sogar in der Reflexion über „Recht“ und dessen Verhältnis zu „Gewalt“. Typisch für den russischen Kolonialdiskurs sei vor allem das Vermischen von lokalen, kodifizierten Formen der individuellen und kollektiven Konfliktaustragung mit der nordkaukasischen Reaktion auf die russische Expansion gewesen. Der Topos vom gewaltaffinen Nordkaukasier diente so nicht nur zur Rechtfertigung der kolonialen Expansion sondern umgekehrt auch der Diskreditierung des nordkaukasischen Widerstandes gegen die russische koloniale Expansion. In der Sicht Lermontovs etwa stellte dieser Widerstand keine legitime politische Kraft dar, sondern wurde als chaotische, raubtierhafte Gewalt beschrieben, die auf einer elementaren Racheinstinkt anstatt auf einem entwickelten Gerechtigkeitssinn basisere. xiv



[Wird bis zum 8.2.2016 vervollständigt. Ich bin leider aufgrund meines Gesundheitszustandes gezwungen, ständige Pausen bei der Bildschirmarbeit einzulegen. Vorab eingestellt worden sind die obigen Textabschnitte, da es sich bei ihnen um den Kernbereich meiner Kritik handelt und ich hier bereits auf deren wissenschaftliche Belegbarkeit und Belegtheit und den entsprechenden Forschungsstand hinweisen wollte. Es wird mir ja unter Profitieren von meiner gesundheitlichen Situation gerne von Gegnern mit unterschiedlicher Motivation untestellt, ich hätte nichts weiter vorzubringen als das, was ich bereits vorgebracht bzw. veröffentlicht habe].



Zusatzdokumentation: Eine großartige Geste

Eine Intervention meinerseits per Leserkommentar hatte die TAZ nicht zugelassen. Hier noch mal der Text meines offenbar "infamen" Kurzkommentars (eine wirkliche wissenschaftliche Auseinandersetzung ist ohnehin über die Kommentarfunktion nicht möglich) zum Nachlesen:

"Ethnologen werden sich beim Lesen die Fußnägel kringeln. Was denkt sich die Dame überhaupt dabei, sich zu einem Wissensgebiet zu äußern, auf dem sie offenbar nicht im Geringsten kompetent ist? Etliche der Behauptungen sind kruder Unfug und noch dazu rassistisch bzw. in höchstem Maße ethnozentrisch. Aber typisch für deutsche Zeitungen, daß man das Ausbreiten von liebgewonnenen Stereotypen und Märchen darüber, wie der Fremde sei, denke und fühle, einem fakten- und wissensbasierten Argumentieren vorzieht. Das Klischee lebe hoch."




Ja, ich gebe zu, ich hätte meine Kritik wahrscheinlich sehr viel mehr noch an die Taz-Redaktion selbst richten müssen als an Frau Leuzinger-Bohleber , war aber zunächst ziemlich verärgert und auch schockiert über das, was ich da über mein - von der Taz ansonsten sträflich vernachlässigtes - Fachgebiet lesen mußte. Anders als das sonst mitunter gehandhabt wird, findet sich numehr in der Kommentarspalte nicht einmal mehr ein Hinweis darauf, daß hier von der Online-Redaktion gelöscht wurde. Sogar über mein TAZ-Profil ist der Kommentar nicht mehr abrufbar (siehe: https://www.taz.de/!ku450/).


Literatur:
x Thomas Barrett, The Remaking of the Lion of Dagestan: Shamil in Captivity, Russian Review,
Vol. 53, Nr. 3 (Juli 1994), S. 353-366, S. 360, online abrufbar unter: https://sites.evergreen.edu/russiawinter/wp-content/uploads/sites/47/2015/01/Jan-27-Shamil-in-Captivity.pdf
xiiDeutsche Übersetzung zitiert nach: Katharina Kickinger, Der „wilde Kaukasus“ in europäischen Reiseberichten des 19. Jahrhunderts, Diplomarbeit, Wien 2013, S. 96, online unter: http://othes.univie.ac.at/27130/1/2013-01-31_0647760.pdf
xiiiAustin Jersild, Orientalism and Emire. North Caucasus Mountain Peoples and the Georgian Frontier, 1845-1917, Montreal 2002, S. 69, S. 89-105
xiv Harsha Ram, Prisoners of the Caucasus: Literary Myths and Media Representations of the Chechen Conflict. Berkeley, 1999, S. 4-5, online at: http://escholarship.org/uc/item/45t9r2f1