Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

Sonntag, 29. September 2013

Am Flughafen von Sotschi gestrandet: russische Behördern verweigern kritischem Journalisten die Einreise

Fehim Taştekin ist ein renommierter türkischer Journalist bei der linksliberalen Tageszeitung Radikal. Arbeitsschwerpunkt von Taştekin sind Artikel zu Geschichte und Gegenwart des Kaukasus. In einem seiner jüngsten Beiträge, dem  Artikel vom 16.9.2013, hatte er die russische Machtpolitik im Nahen Osten und dem Kaukasus analysiert und war dabei auch auf die Olympischen Spiele eingegangen. Er hatte die außerordentlichen Sicherheitsmaßnahmen für die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 als Ausdruck einer „Kaukasus-Paranoia“ der russischen Machthaber kritisiert und und in diesem Zusammenhang das extrem abgeschirmte Olympiagelände als „Olympia-Konzentrationslager“ bezeichnet.

Wie gestern und heute u.a. von Radikal und Hürriyet berichtet wurde, ist Taştekin gestern von russischen Behörden am Flughafen von Sotschi die Einreise verweigert worden. Taştekin hatte, wie es die offiziellen russischen Einreisebestimmungen für Abchasien vorsehen, über den Flughafen von Sotschi nach Abchasien weiterreisen wollen, um dort als offizieller Staatsgast an den Feierlichkeiten am 30. September 2013 zur Unabhängigkeit Abchasiens teilzunehmen. Am Flughafen wurde der Journalist von den russischen Behörden informiert, daß eine fünfjährige Einreisesperre gegen ihn verhängt worden sei.

Eine Begründung für ihr Vorgehen haben die russischen Behörden bisher offenbar nicht geliefert - auch nicht gegenüber dem nächstgelegenen türkischen Konsulat in Novorossijsk. Laut Taştekin wäre eine solche Einreisesperre für ihn als Koresspondenten mit Arbeitsschwerpunkt Kaukasus beruflich „tödlich“, wie er gegenüber der Zeitung Hürriyet betonte. Der Journalist will demzufolge nach eigener Aussage Schritte ergreifen und hierfür notwendige Anträge bei den zuständigen türkischen Behörden einreichen Da Rückflüge in die Türkei ausgebucht waren, sitzt Taştekin nun aber auf dem Flughafen von Sotschi fest und muß bis Montag warten, um beim türkischen Konsulat in Novorossijsk einen entsprechenden schriftlichen Gesuch stellen zu können.

Tscherkessische Verbände in der Türkei haben heute abend in Solidarität mit Fehmi Taştekin vor dem russischen Konsulat in Istanbul demonstriert und eine Presseerklärung verlesen, in der auch die fortgesetzte Weigerung des russischen Staats, sich der Vergangenheit zu stellen und den Völkermord an den Tscherkessen anzuerkennen, verurteilt wurde. Erol Karayel, Sprecher der Çerkes Hakları İnisiyatifi (“Initiative für tscherkessische Rechte“), kritisierte den aktuellen Vorgang gegenüber Taştekin mit harschen Worten:
Rußland ist bestrebt, die in der Vergangenheit begangenen Verbrechen zu vertuschen und greift demzufolge wie ein tollwütiger Hund jeden an, der seiner Vergangenheit einen Spiegel vorhält. Diejenigen, die gegenüber den Diskursen des Kremls Position beziehen, läßt dieser entweder in einer stillen Ecke von seinen Auftragsmördern umbringen, oder sie werden auf schwarze Listen gesetzt, um ihnen dann bei der erstbesten Gelegenheit, bei der sie in seine Hände fallen, den Weg abzuschneiden.
Der Journalist Fehim Taştekin, Leiter des Auslandsressorts der Zeitung Radikal, ist somit das jüngste Beispiel derjenigen, denen ihr Weg versperrt wird.“
Fehim Taştekin twittert unterdessen vom Flughafen Sotschi und bemüht sich, seinen unfreiwilligen Aufenthalt dort mit Humor zu nehmen.


Zu einem englischsprachigen Artikel der türkischen Zeitung TodaysZaman geht es hier



Freitag, 20. September 2013

GfbV lädt zum Pressegespräch - Veranstaltungshinweis

In Absprache mit Sarah Reinke, GUS-Referentin der Gesellschaft für bedrohte Völker, möchte ich hier auf folgende Gelegenheit für Journalisten verweisen, sich über das Gespräch mit kompetenten Vertretern der tscherkessischen Diaspora über die Lage der syrischen Tscherkessen wie auch über tscherkessische Standpunkte zu Sotschi 2014 zu informieren. Ich finde dies angesichts der Tatsache, daß tscherkessische Perspektiven in unseren Medien oft untergehen, eine äußerst wichtige Initiative und hoffe, daß etliche Journalisten diese sich ihnen nun bietende Chance auch ergreifen werden.

Auch sei hier darauf hingewiesen, daß die Gesellschaft für bedrohte Völker im Rahmen der interkulturellen Woche in Wittenberg am 24.9. 2013 um 19:00 Uhr im Mehrgenerationenhaus auch eine öffentliche Veranstaltung der GfbV unter dem Thema "Reise durch die Jahrhunderte – Vortrag von Sarah Reinke und Diskussionsrunde zum Land Tscherkessien mit Ullrich Pfingsten, Ilya Rifkin und der syrischen Journalistin Lina Saharai" organisiert.  

Zu der Einladung zum Pressegespräch auf der  GfbV-Webseite geht es hier.



Einladung zum Pressegespräch
Tscherkessen melden sich zu Wort: Olympische Winterspiele in Sotschi 2014 dürfen historischen Völkermord nicht ignorieren
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Berlin, 18. September 2013

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, 

sicherlich sind viele von Ihnen auch Anfang nächster Woche mit der Berichterstattung zur Bundestagswahl beschäftigt. Trotzdem möchten wir Sie darauf aufmerksam machen, dass die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) am 

Montag, den 23. September 2013, und Dienstag, den 24. September 2013, 

zwei Gäste nach Berlin eingeladen hat, die sich sehr kompetent sowohl zur Lage der syrischen Flüchtlinge in der Türkei als auch zum tscherkessischen Standpunkt zu den Winterspielen in Sotschi 2014 äußern können. Die beiden Tscherkessen stehen sehr gern für ein Interview oder Pressegespräch zur Verfügung: 

Herr Schamis Hatko ist Redakteur einer der wichtigsten tscherkessischen Nachrichtenseiten cherkessia.net. Er kommt gerade aus der Türkei, wo er Hilfe für die tscherkessisch-stämmigen Flüchtlinge organisiert hat. Herr Inal Tamzok setzt sich seit Jahren von Deutschland aus für eine kritische Berichterstattung über die historischen Ereignisse in Sotschi ein, die für die Tscherkessen zum Trauma wurden. Er ist dazu selbst ein kompetenter Ansprechpartner, vermittelt aber auch sehr gerne Kontakte direkt in den Nordkaukasus. 

Aus Sicht der Tscherkessen ist Sotschi als Austragungsort der Winterolympiade 2014 hoch problematisch. Sotschi war 1864 Schauplatz des blutigen letzten Kampfes der Tscherkessen gegen die russische Vorherrschaft. Die Tscherkessen unterlagen und wurden kollektiv aus ihrer Heimat vertrieben. Das war nach Meinung führender Historiker ein Genozidverbrechen, dem bis zu eine Million Tscherkessen zum Opfer gefallen sind. Heute leben die Nachfahren der Überlebenden über die ganze Welt verstreut. Eine politische Aufarbeitung dieser Kolonialverbrechen hat bisher nicht stattgefunden. Aus tscherkessischer Sicht stellt die Ausrichtung der Olympischen Spiele in Sotschi daher einen weiteren Akt der Provokation, der Verleugnung ihrer Geschichte und Kultur dar. 

Wir würden uns freuen, wenn Sie Interesse an einem Interview oder Hintergrundgespräch hätten. Bitte vereinbaren Sie in diesem Fall einen Termin mit Sarah Reinke im Berliner Büro der Gesellschaft für bedrohte Völker unter Telefon 030 42 80 48 91 (9-14 Uhr). 

Donnerstag, 19. September 2013

Trotz Wahlkampf-Hektik: Vorläufige Antwort von Cem Özdemir

Veysel Özcan, Büroleiter von Cem Özdemir, hat mir heute die untenstehende Antwort von Cem Özdemir zukommen lassen - trotz Wahlkampfhektik und einer verspäteten Anfrage meinerseits (andere von mir angefragte Bundestagskandidaten hatten ein Standardschreiben erhalten und waren damit früher informiert). Hiermit also meinen herzlichen Dank an Cem Özdemir wie auch an Veysel Özcan!



"Sehr geehrte Frau Kreiten,


ich danke Ihnen für Ihre Nachricht zu diesem wichtigen Thema. Ich bitte um Ihr Verständnis,

dass ich derzeit angesichts des Wahlkampfs und meines dichten Kalenders leider nicht die

Zeit finde, die recht umfassenden Fragen zu beantworten. Ich schicke Ihnen aber gerne mein

Vorwort für das Buch von Manfred Quiring. Sie können es gerne auf Ihrer Seite unter Angabe der

Quelle veröffentlichen, der Verlag ist damit einverstanden.

Mit freundlichen Grüßen

Cem Özdemir

+++

Manfred Quiring: „Der Vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen. Mit

einem Vorwort von Cem Özdemir.“ Berlin: Christoph Links Verlag GmbH, 2013.


Vorwort


Cem Özdemir

Dieses Buch bringt nicht nur vielen Leserinnen und Lesern eine wohl fremde Kultur näher, sondern auch dem Autor dieses Vorworts. Denn obwohl mein Vater ein Tscherkesse aus der Türkei ist, hatte ich selbst lange Zeit kaum Kenntnisse über das Volk und die Kultur seiner Vorfahren. Mein Wissen beschränkte sich zunächst auf die üblichen Klischees: Die Reit- und Kampfkunst der tscherkessischen Männer oder die Schönheit der tscherkessischen Frauen, von denen viele im Kaukasus entführt und an den Sultanshof verschleppt wurden. Auch war mir nicht bekannt, dass Tscherkessen nicht nur in der Türkei, sondern auch in Jordanien, Syrien, ja sogar in Israel leben.
Für die Tscherkessen in aller Welt ist der 21. Mai ein Tag der traurigen Erinnerung an die Vertreibung im Jahre 1864. Es ist ein Tag, der an all das Leid erinnert, das nach der Niederlage gegen die Russen in der kaukasischen Urheimat begann. Aber er erinnert sie auch daran, dass es Ihnen bis zum heutigen Tag gelungen ist, die Erinnerung an ihre Kultur und Geschichte zu bewahren. Auch dieses Buch trägt maßgeblich dazu bei.
Zahlreiche Tscherkessen, die nach ihrer Vertreibung später Türken wurden, sind – so wie mein Vater – durch die Anwerbung von Gastarbeitern in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen. Für viele war gerade die Demokratie und Vielfalt in Deutschland Anlass, sich öffentlich als Minderheit zu begreifen und ihre Kultur zu zelebrieren. Daher finden sich immer häufiger nordkaukasische Kulturvereine oder tscherkessische Vereine in Deutschland. Ihr Anliegen ist es, ihre Kultur und Sprache an die eigenen Kinder, aber auch ihrer neuen Heimat zu vermitteln. Tscherkessen wurden in der Diaspora und in all den Ländern, in denen sie Schutz, Aufnahme und eine neue Heimat gefunden haben, schnell loyale Bürger, ohne dabei ihre Herkunft und Kultur zu vergessen.
In der Türkei, einem Land, in dem es vor einiger Zeit offiziell keine kurdische Sprache und Kultur gab und das sich bis heute mit seiner kulturellen, religiösen und ethnischen Vielfalt schwer tut, wurden lange Zeit alle verallgemeinernd als Tscherkessen bezeichnet, die aus dem Kaukasus stammen. Je tiefer man jedoch in die Materie eindringt, desto deutlicher wird, dass die Völker des Kaukasus, und speziell die zahlreichen Ethnien des Nordkaukasus viele unterschiedliche Sprachen sprechen. Sie sind vor allem durch das Kaukasusgebirge und die Erinnerung an das gemeinsame Leid miteinander verbunden. Die Tscherkessen, die sich selbst „adyge“ nennen, wollen auch in Deutschland nicht nur durch ihre beeindruckenden Folkloretänze wahrgenommen werden, sondern auch als eine bedrohte, alte Kultur, die nur überleben kann, wenn sie unterstützt wird und die Verbindung zur Urheimat im Kaukasus nicht abreißt.
Damit dies auch für die Zukunft gelingt, müssen Tscherkessen sich gemeinsam mit anderen für den Erhalt der einzigartigen Natur des Kaukasus einsetzen, gerade im Vorfeld und während der Olympischen Spiele 2014 in Russland. Wer einmal, so wie ich mit meinem Vater vor einigen Jahren, die Berge des Kaukasus erlebt hat und durch unberührte Wälder wandern durfte, wird verstehen, warum die Tscherkessen Angst davor haben, dass Geldgier und mafiöse Strukturen im heutigen Russland ihre Heimat bedrohen.
Da die Tscherkessen heute über viele Länder der Welt verteilt sind und sie somit keine gemeinsame Sprache mehr verbindet, wird ihre Kultur oft auf die berühmten Tänze und die legendären tscherkessischen Hochzeiten reduziert. Es ist daher eine anspruchsvolle Aufgabe, die Adygejer dem Vergessen zu entreißen und ihre gesamte Geschichte und Kultur international bekannt zu machen. Dieses Buch hilft dabei, und ich hoffe, dass es nicht nur unter Tscherkessen viele Leser findet.

Berlin, im August 2013"

"Junge Welt" bezieht Stellung!

Die "Junge Welt" hat äußerst prompt reagiert und mir auf meine gestrige Anfrage hin folgende Antwort geschickt:

"Sehr geehrte Frau Kreiten,
in den vergangenen Wochen war ich nicht in Berlin und komme nun erst zur
Durchsicht der in der Zwischenzeit eingegangener Emails. Für Leserbriefe
bin ich zunächst nicht der richtige Ansprechpartner. In der Debatte rund
um Sotschi soll natürlich auch der tscherkassische Aspekt Beachtung
finden, daher haben wir ihre Zuschrift, die wohl in der Fülle der
Leserpost zunächst unterging, nun online publiziert. Vielleicht bieten
Sie uns als Spezialistin auch einmal einen Beitrag z. B. für die
Geschichtsseite an? Ich stelle Ihnen ggf. gern den Kontakt zum hier
zuständigen Redakteur her.

--
Mit freundlichen Grüßen
Peter Steiniger"


Ich bin zugegebenermaßen überrascht, aber auch sehr erfreut über diese positive Wendung (wie natürlich auch über das Schreibangebot an mich!). Es ist also doch durchaus von Nutzen, wenn man mit gutem Willen aufeinander zugeht. Ich  hoffe aber auch, daß dieses Beispiel künftig Schule macht wird und damit letztendlich auch gesetztere  Medien wie den Spiegel erreicht, von dem ich leider immer noch keinerlei Reaktion auf meine Kritik erhalten habe.

Ich habe Herrn Steiniger am 23.9.2013 folgendes geantwortet:

"Sehr geehrter Herr Steiniger,
Haben Sie vielen Dank für Ihre prompte und überaus positive Reaktion. Ich bin sehr erfreut darüber, daß mein Leserbrief nun zumindest im nachhinein freigeschaltet wurde. Gerne auch nehme ich das Angebot an, selbst für Ihre Zeitung einen Beitrag zur Kolonialgeschichte des Westkaukasus zu schreiben. Ich  wäre Ihnen somit in der Tat dankbar, wenn Sie Kontakt zum zuständigen Redakteur herstellen könnten.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit jedoch auch ausdrücklich darauf verweisen, daß, insbesondere in Bezug auf aktuelle Belange wie die Protestbewegung im Umfeld von Sotschi 2014 oder die Situation der tscherkessischen Diapspora in Syrien, auch kompetente Gesprächspartner von tscherkessischer Seite für beispielsweise Interviews zur Verfügung ständen. Mir als Kolonialismus-kritischer Ethnologin liegt es sehr am Herzen, daß nicht nur auf patrimoniale Weise über die Tscherkessen als Objekt imperialer und neoimperialer Interessen und Strukturen gesprochen wird, sondern daß tscherkessische Vertreter vielmehr auch selbst Gelegenheit erhalten, sich in den öffentlichen Diskurs miteinzubringen. Ich bin, sollte bei der Jungen Welt jetzt oder in Zukunft entsprechendes Interessse bestehen, gerne bei der Herstellung entsprechender Kontakte zu deutsch- oder englischsprachigen Tscherkessen behilflich.
In diesem Zusammenhang möchte ich Sie ebenfalls darauf hinweisen, daß die Gesellschaft für bedrohte Völker heute und morgen in Berlin die Gelegenheit zum Pressegespräch mit Inal Tamzok und Schamis Hatko bietet (siehe offizielle Einladung unter:http://www.gfbv.de/pressemit.php?id=3665 ). Morgen, d.h. am 24.9.2013, findet zudem im Rahmen der Interkulturellen Woche von Wittenberg auch eine öffentliche Veranstaltung unter dem Titel Reise durch die Jahrhunderte – Vortrag von Sarah Reinke und Diskussionsrunde zum Land Tscherkessien mit Ullrich Pfingsten, Ilya Rifkin und der syrischen Journalistin Lina Saharai" statt. Es wäre meines Erachtens sehr schön, wenn trotz der Kurzfristigkeit hier ein Journalist der Jungen Welt noch Gelegenheit zur Berichterstatttung finden könnte.
Falls diese Termine zu knapp gewählt sein sollten, so möchte ich Sie bereits jetzt darauf aufmerksam machen, daß sich im November mit der Eröffnung der Ausstellung zu tscherkessischer Kultur und Geschichte im Völkerkundemuseum von Hamburg unter Leitung von Prof. Dr. Wulf Koepke eine weitere Gelegenheit zu einem formalen Pressegespräch bieten wird. Der genaue Termin für die Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung steht noch nicht fest, er wird aber voraussichtlich in die 3. oder 4. Novemberwoche fallen. Es würde mich sehr freuen, wenn ich mit diesen Veranstaltungshinweisen das Interesse des einen oder anderen Journalisten der Jungen Welt an der tscherkessischen Thematik geweckt haben sollte.
Ich verbleibe in der Hoffnung auf eine produktive Kooperation bezüglich eines historischen Beitrags meinerseits und eventuell auch weitergehenden Gesprächen mit Vertretern der tscherkessischen Diaspora.
Mit freundlichen Grüßen und nochmals bestem Dank,
                                                                                           Irma Kreiten"

Nachtrag vom 6.10.2013 : Leider habe ich bisher keine erneute Rückmeldung erhalten und denke daran, demnächst diesbezüglich nachzufragen. Ich erwähne dies hier, damit keine Mißverständnisse aufkommen bezüglich des Ausbleibens eines Artikels von mir, ich wäre nach wie vor interessiert, selbst zu schreiben, wie auch, andere Gesprächspartner, die in die Thematik eingearbeitet sind, zu vermitteln. 

Nachtrag vom 13.10.2013: Ich habe letzte Woche eine erneute, sehr interessierte und freundliche Rückmeldung erhalten und werde nun eine mögliche Publikation eines Artikels zu dem Völkermord an den Tscherkessen samt aktueller Bezüge mit dem entsprechenden Ressortleiter besprechen. 

Nachtrag vom 23.11.2013: Leider habe ich bis heute keine Reaktion des zuständigen Ressortleiters erhalten. Unabhängig davon, wie nun die Angelegenheit ausgehen wird, d.h. ob ich letztendlich die Möglichkeit erhalten werden, einen Artikel in der Jungen Welt zu veröffentlichen oder nicht, zeigt dies hoffentlich auch, wie schwierig und langwierig es im Gegensatz zum normalen Nachrichtengeschäft sein kann, nordkaukasische Angelegenheiten und Perspektiven zur Sprache zu bringen.



Manfred Quiring: "Spiele am heiligen Ort" (Neuerscheinung 2. Oktober 2013, Leseprobe Teil II)

Nach dem ersten Vorabauszug aus dem am 2. Oktober erscheinenden Buch Manfred Quirings „Der Vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen.“ hier nun der zweite Teil, in dem es um tscherkessische Perspektiven auf die Olympischen Winterspiele 2014 geht. Autor und Verlag hatten mir freundlicherweise gestattet, eine Textauswahl zu treffen und die entsrpechenden Passagen vorab auf meinem blog zu veröffentlichen. Wer jetzt neugierig wird auf mehr, für den sind hier die vollständigen Erscheinungsdaten:

Manfred Quiring: „Der Vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen. Mit einem Vorwort von Cem Özdemir.“. Berlin: Christoph Links Verlag GmbH, 2013
ISBN: 978-3-86153-733-5
Seiten: ca. 224                                                                        

Preis: ca. 16,90 EURO


Olympische Winterspiele am heiligen Ort

[S. 145]
»Hätte Präsident Putin uns auch nur erwähnt, er wäre unser Held gewesen.« Davon ist Samir Chotko, Historiker am ethnografischen Institut in Maikop, überzeugt. Doch Putin hat in seinen Auftritten im Vorfeld der Olympischen Winterspiele stets vermieden, über die Ureinwohner der Region zu sprechen. Da hätten Griechen und Ar[-]menier gelebt, teilte der Kremlchef der Welt in seinen Ansprachen mit, aber dass der tscherkessische Stamm der Ubychen hier bis zu seiner weitgehenden Vernichtung und der Deportation der Über[-]lebenden im 19. Jahrhundert gesiedelt hatte, ließ er unter den Tisch fallen. Stattdessen traten während der Olympiabewerbung und bei [S. 146] anderen Gelegenheiten Kosakenchöre und Tanzgruppen auf, die als die eigentlichen Ureinwohner präsentiert wurden.
Wie mehrheitsfähig die Meinung von Samir Chotko ist, dass al[-]lein ein rechtes Wort des Staatschefs zur rechten Zeit die Stimmung grundsätzlich zu verändern geeignet gewesen wäre, ließ sich auch nach zahlreichen Gesprächen am Ort nicht genau feststellen. Zu unterschiedlich waren die Meinungen. In einem indes waren sich alle meine Gesprächspartner in der adygejischen Hauptstadt einig: Die Olympischen Winterspiele in dem Jahr abzuhalten, in dem sich die Tragödie des tscherkessischen Volkes zum 150. Mal jährt, und dann ausgerechnet in Sotschi, sei eine ganz schlechte Idee.
»Sotschi«, so argumentiert Samir Chotko in sprudelnder Rede, »ist ja nicht nur das Symbol für das süße Leben früher in der Sowjet[-]union und heute in Russland. Die Stadt ist auch das Symbol für das verlorene Land Tscherkessien, das von der Landkarte verschwunden ist. Sie ist das Symbol der Tragödie des tscherkessischen, insbeson[-]dere des ubychischen Volkes, das in Sotschi und Umgebung gelebt hat.« Die Tscherkessen verbinden mit Sotschi und dem in den Ber[-]gen gelegenen Ort Krasnaja Poljana nicht nur die schmerzliche Er[-]innerung an die Niederlage, an den an ihrem Volk verübten Geno[-]zid, sondern auch an die Vertreibung Hunderttausender aus ihrer Heimat. Hier tagte die Medschlis, das tscherkessische Parlament, weshalb Sotschi – ubychisch Schetsch – als letzte tscherkessische Hauptstadt gilt.
Eigentlich gebe es andere, eindrucksvollere »Orte des Genozids«, sagt Chotko und verweist auf Städte wie Anapa oder Maikop, wo wesentlich blutigere Kämpfe stattgefunden haben. Aber die haben im Bewusstsein der Tscherkessen nicht den Stellenwert erlangt, wie es eben bei Sotschi und Krasnaja Poljana der Fall ist. »Olympia in Maikop oder Naltschik wäre aus historischer Sicht kein Problem«, glaubt Chotko. Doch Sotschi war ein Eigentor Putins.
»Denn dank der bevorstehenden Olympiade wurde die Debatte um die Anerkennung des Genozids des tscherkessischen Volkes von der lokalen auf die internationale Ebene gehoben. Das war Putins eigene Entscheidung!« Chotko weiß nicht, ob Putin selbst sich der Tragweite bewusst gewesen ist, »aber seine Umgebung hätte wissen müssen, was da losgetreten wird«.
Tatsächlich wäre keine der in Russland oder in der Diaspora agie-[S. 147] renden tscherkessischen Organisationen in der Lage gewesen, so eine weitreichende Debatte um das Schicksal der Tscherkessen zu entfalten, wie es Putin mit seiner Olympia-Entscheidung gelun[-]gen ist. Eigentlich müssten die Tscherkessen ihm dankbar sein, dass er – vermutlich ungewollt – die Blicke der Weltöffentlichkeit auf dieses Problem gelenkt hat.
Für die Aktivisten von NoSochi2014, die sich weltweit um die gleichnamige Website gesammelt haben, ist Sotschi eine »No-go-Area«. Die Spiele dürfen dort nicht stattfinden, wurden sie nicht müde, auf ihrer Internet-Seite zu propagieren. »Wir fordern die Welt und das IOC auf, Russland die Olympischen Spiele in Sotschi zu entziehen, weil sie am Ort des tscherkessischen Genozids statt[-]finden.« [Anm. 147]
Sie warfen dem russischen Vorbereitungskomitee vor – und das zu Recht –, dass es auf seiner Website durch »irreführende Informa[-]tionen« versuche, Sotschi von seiner Geschichte zu trennen. »Es sei unmöglich für den Nordkaukasus, der die Heimat der tscherkessi[-]schen Zivilisation ist, und für Sotschi, das die letzte Hauptstadt des unabhängigen Tscherkessien war, weltweite Reputation zu erlangen durch Lügen und geschönte Diskurse.« [Anm. 148]
Sotschi und seine Umgebung hätten sich durch den russisch-kaukasischen Krieg im 18. und 19. Jahrhundert in einen Friedhof verwandelt, heißt es in der Erklärung weiter. Für die Tscherkessen werde diese Wunde, geschlagen von den Russen, niemals heilen. Die 1,5 Millionen getöteten Tscherkessen machten die Hälfte aller damals lebenden Tscherkessen aus. Etwa 90 Prozent der verblieben[-]en Tscherkessen leben außerhalb ihres Heimatlandes, was sie, ver[-]glichen mit anderen Nationen, »proportional zur größten Diaspora in der Welt macht«.[Anm. 149] Über Zahlen wird indes heftig gestritten. Je nach Herkunft fallen sie teils sehr hoch – bei den Tscherkessen –
oder sehr niedrig – bei den Russen – aus.
Ibrahim Khuaj, dessen internationale Interessengruppe Patrioten Tscherkessiens sich für die Rückkehr seiner Landsleute in den Kaukasus einsetzt, hält nichts von der Losung »No Sotschi«, wie er mir bei unserer Begegnung in Maikop sagte. Zwar missfällt auch ihm wie den meisten Tscherkessen in Adygeja zutiefst, dass die Winter[-]spiele 2014 an diesem historischen Ort stattfinden. Aber er ist Rea[-]list. »Wir brauchen keine Feindschaft, wir brauchen freundschaft-[S. 148] liche Beziehungen zu allen Russen, zu den Behörden, damit unsere Leute aus Syrien, aber auch aus anderen Ländern, möglichst unge[-]hindert hierherreisen können und sich ihr Leben in einer friedli[-]chen Umgebung aufbauen können.« Für ihn hat das Überleben der Tscherkessen als Nation, was seiner Meinung nach nur in einem kompakten Siedlungsraum in der alten Heimat möglich ist, eindeu[-]tigen Vorrang. Er hätte sich allerdings gewünscht, dass die Tscher[-]kessen als Ureinwohner des Kaukasus und besonders der Region um Sotschi in die Vorbereitungen auf die Spiele einbezogen würden. Das habe bisher nicht stattgefunden, bedauerte er.
Auch eine Präsentation der tscherkessischen Stämme während der Eröffnungszeremonie wäre denkbar gewesen. So war es in Vancou[-]ver, wo die »first Nations«, die indigenen Völker, dabei waren, so war es in Melbourne, wo die Aborigines gefeiert wurden. Interessenvertreter der indigenen Völker hatten die Art und Weise ihrer Einbezie[-]hung zwar gerügt: zu wenig, zu spät, zu plakativ, hieß es. Das mag stimmen. Aber die einstigen Bewohner des Kaukasus, die die Putin-Mannschaft wie Leprakranke ins dunkle Hinterzimmer der Ge[-]schichte zu drängen versucht und von allen halbwegs offiziellen Ver[-]anstaltungen fernhält, wären auch von derlei bescheidenen Gesten schon angetan.
Das olympische Vorbereitungskomitee verwies, sozusagen als Be[-]ruhigungspille, darauf, dass es im Vorfeld der Spiele die sogenannte Kulturolympiade gebe. Daran würden über 100 Ethnien teilnehmen, die in der Sotschi-Region leben. Darunter auch die Tscherkessen.

147 Vgl. http://www.nosochi2014.com/
148 Ebd.
149 Ebd

Mittwoch, 18. September 2013

Offener Brief an die "Junge Welt"

Peter Steiniger, Online-Redakteur der linksgerichteten alternativen Tageszeitung "Junge Welt", hat von mir heute folgenden offenen Brief erhalten:


"Sehr geehrter Herr Steiniger,

Ich arbeite seit Jahren als unabhängige Historikerin und Ethnologin zur Kolonialgeschichte desWestkaukasus und bemühe mich hierbei um eine historische Aufarbeitung der genozidalen Gewalt, der während der russischen Eroberung der Region Mitte des 19. Jahrhunderts die lokale tscherkessische Bevölkerung ausgesetzt war. Anläßlich des am 13.9.2013 in Ihrer Zeitung erschienenen Artikels „Zeichen gegen Homophobie gefordert“ von Ben Mendelson hatte ich am gleichen Tag folgenden Leserbrief geschrieben:

Ich möchte meine Mit-Leser freundlich darum bitten, sich auch mit der Geschichte der Tscherkessen auseinanderzusetzen, die die Einwohner der Region um Sotschi waren, bis sie im Zuge der russischen Kolonialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts mit Gewalt und Terror zur Unterwerfung und dann ins osmanische Exil gezwungen wurden. Aus heutiger Sicht sind hier deutliche historische Parallelen zu beispielsweise dem Völkermord an den Armeniern oder dem an den Herero und Nama vorhanden. Für die mittlerweile über die ganze Welt verstreut lebende tscherkessische Diaspora sind die Spiele ein Schlag ins Gesicht, ihre Nichterwähnung und die Nichtmiteinbeziehung der tscherkessischen Geschichte und Kultur eine Fortsetzung der Kolonialverbrechen und dem Verschweigen derselben. Leider wird hierüber in deutschen Medien kaum berichtet. Ich habe darum eine Aktion gestartet, in der ich Bundestagskandidaten um Stellungnahmen gebeten habe. Eine Ausweitung der Aktion samt Gastbeiträgen, Literaturauszügen und tscherkessischen Stimmen zu Sotschi 2014 ist geplant. Ich würde mir wünschen, daß künftig die verschiedenartigen problematischen Aspekte von Sotschi 2014 (Umweltschutz, Homophobie, tscherkessische Rechte, Sozialkahlschlag vor Ort etc.) gemeinsam thematisiert werden anstatt der sonst üblichen Themenrivalität. Mein Ziel ist es, auf zvilgesellschaftlicher Ebene anzusetzen und damit eine Alternative zu amerikanischen Aktivitäten in der Region zu schaffen, die unter dem Deckmantel der Unterstützung des "Freiheitskampfes" der Nordkaukasier die eigenen geostrategischen Interessen (d.h. vor allem Ölzugang und "Sicherung" der Transitregionen) vorantreiben. Russophobie ist damit nicht das Ziel. Es geht auch nicht darum, die Spiele zu verhindern, sondern Aufmerksamkeit zu schaffen, damit ein weiteres Verschweigen der Geschichte der Region zu verhindern und eine längst überfällige Vergangenheitsaufarbeitung mitanzustoßen. Zu meinem blog geht es unter http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com/“.

Ich sehe heute, daß sich mein Leserbrief nicht unter den neu veröffentlichten Zuschriften befindet. Ich habe Ihren Hinweis auf Ihrer Webseite, daß kein Anspruch auf Veröffentlichung von Leserbriefen besteht, zur Kenntnis genommen. In diesem Falle kann ich Ihre Entscheidung allerdings weder nachvollziehen noch politisch gutheißen und hätte gerne die konkreten Beweggründe benannt. Auch im redaktionellen Teil der Jungen Welt ist bisher kein einziger Artikel zu finden, der im Zusammenhang mit den Olympischen Winterspielen 2014 die hiervon in besonderem Maße betroffenen Tscherkessen auch nur erwähnen würde. Dies mißt dem Nichterscheinen eines Leserbriefes, der entsprechende Informationen nachliefern und zu einer längst überfälligen Diskussion anstoßen könnte, eine andere Bedeutung bei, als dies beim Wegfall einer bloßen Meinungsäußerung eines Lesers zu bereits hinlänglich bekannten Themen und Probemlagen der Fall wäre. Die Nichtveröffentlichung meiner Zuschrift an Sie deckt sich zudem mit einem zensurverdächtigen Vorgang beim Spiegel, den ich bereits auf meinem blog in Form eines offenen Briefs wie auch bei indymedia unter dem Titel Debattenangst beim Spiegel thematisiert hatte.

Für mich ergibt sich bei Betrachten der Berichterstattung deutscher Medien zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 der Eindruck, daß sie als Schaltstellen der öffentlichen Diskussion Informationen zu den tscherkessischen Aspekten der Olympischen Spiele in Sotschi systematisch unberücksichtigt lassen bzw. ausfiltern. Dies widerspricht meines Erachtens der Informationsaufgabe von Medien in einer demokratischen Gesellschaft; es dürfte mit dieser Informationspolitik auch einer überdurchschnittlich interessierten Öffentlichkeit stark erschwert sein, sich ein umfassendes und ausgewogenes Bild zu dieser aktuellen Thematik zu machen.

Gerade bei Ihrer Zeitung, die sich als alternatives Medium jenseits des Mainstreams definiert und es sich nach eigener Aussage zur Aufgabe gemacht hat, den „Einsatz von Zwang, Gewalt und Krieg unter Bruch des Völkerrechts auf internationaler Ebene“ zu thematisieren und dabei „alle politischen Formen von Protest und Widerstand gegen diese Tendenzen“ zu fördern, vermisse ich eine entsprechende deutliche Positionierung samt einer Berücksichtigung tscherkessischer Perspektiven auf Sotschi 2014. Meines Erachtens haben tscherkessische Individuen und Verbände ein Recht, in die öffentliche Diskussion zu den Olympischen Spielen miteinbezogen zu werden, wie auch die deutsche Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, neben Umweltproblematik und einer problematischen Homosexuellengesetzgebung auch über eine verfehlte russische Vergangenheitspolitik und die fortgesetzte Mißachtung der Rechte von Nordkaukasiern in der Russischen Föderation unterrichtet zu werden. Alles andere wäre aus meiner Sicht eine Fortschreibung russischer Geschichtsklitterung und Vergangenheitsverleugnung.

Ich möchte Sie deswegen darum bitten, sowohl zu der Nichtveröffentlichung meines Leserbriefs wie auch zu der bisher fehlenden Berichterstattung zu der mit den Olympischen Winterspielen 2014 verbundenen tscherkessischen Problematik Stellung zu nehmen. Sollten Ihnen die tscherkessischen Aspekte der russischen Ausrichtung der Winterspiele in Sotschi bisher unbekannt gewesen sein, kann ich Ihnen, sofern von Ihrer Seite entsprechendes Interesse besteht, bei der Herstellung von Kontakten zu möglichen tscherkessischen Gesprächspartnern – gerne auch zu linksgerichteten tscherkessischen Assoziationen und Individuen – behilflich sein.

Ihre Antwort werde ich zusammen mit dem vorliegenden offenen Brief auf meinem blog unter http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com/ veröffentlichen. Ich danke Ihnen im Voraus für Ihre Zeit und Ihr Interesse bei der Beantwortung meines Schreibens.
Mit freundlichen Grüßen,
                                                                                                   Irma Kreiten"

Samstag, 14. September 2013

Manfred Quiring: "Umweltsünden in der Imereti-Niederung" (Neuerscheinung 2. Oktober 2013 - Leseprobe Teil I)

Am 2. Oktober 2013 erscheint das neue Buch von Manfred Quiring mit dem Titel: „Der Vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen.“. Der Autor wie auch Edda Fensch, Pressechefin des Ch. Links Verlag, haben mir freundlicherweise gestattet, hier vorab zwei Passagen des Buches einzustellen. Beiden sei an dieser Stelle überaus herzlich gedankt.
Manfred Quiring hat u.a. als Rußland-Korrespondent für „Die Welt“ gearbeitet und ist Autor eines weiteren, 2009 erschienen Buches zum „Pulverfass Kaukasus“, wie auch des Titels „Russland. Orientierung im Riesenreich“. Ein Interview mit Manfred Quiring von Jinal Tamzsuqo ist auf der tscherkessischen Webseite cherkessia.net abrufbar unter:

Manfred Quiring: „Der Vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen. Mit einem Vorwort von Cem Özdemir.“. Berlin: Christoph Links Verlag GmbH, 2013
ISBN: 978-3-86153-733-5
Seiten: ca. 224
Preis: ca. 16,90 EURO


[S. 26]
Umweltsünden in der Imereti-Niederung

»Die Imereti-Niederung ist schon jetzt unwiederbringlich zerstört«, beklagte sich Alik Le, einer der Aktivisten im Widerstand gegen die gewaltige Maschinerie von Olympstroi (Olympiabau), bei unserer Begegnung im Sommer 2010. »Und wofür das alles?«, grollte er. »Nur, um 25 Tage lang internationale Sportspiele abhalten zu können. Dieses System ist gegen die Menschen gerichtet.« Da standen noch ein paar der schlichten Häuser des Dorfes, eingeklemmt zwischen der Küste und dem Bauplatz von Olympic City. Ljubow Fursa, in deren Hof wir uns über das Unausweichliche unterhielten, zeigte mir ihren Gemüsegarten. Es würde wohl die letzte Ernte sein, die sie hier einbringen werde, meinte sie resigniert. Baumaschinen rückten immer näher an die letzten Protestler heran, die mit einem Hungerstreik versuchten, für ihre Rechte zu streiten.
»Sie wollen, dass wir nach Nekrassowka gehen oder uns durch Geld abfinden lassen«, erzählte der 33-jährige Pawel Schukowski, ein wegen Krankheit vorzeitig aus der Armee entlassener Offizier. Aber das wollten sie nicht. Die ursprünglich festgelegten Entschä[-]digungssummen verlören infolge der Preisexplosion auf dem Immobilienmarkt rasant an Wert, und die Häuser in Nekrassowka seien
aus minderwertigem, gesundheits- und feuergefährlichem Material errichtet, sagte Pawel.
Er und die anderen Protestler kannten natürlich das speziell geschaffene Olympiagesetz 310, das die Verfassung für diesen Teil der Russischen Föderation praktisch außer Kraft setzt und es erlaubt, das Land, das für die Wettkampfanlagen und die Infrastruktur benötigt wird, zu enteignen. Mit entsprechenden Kompensationen, versteht sich. Laut Gesetz soll jeder der Betroffenen selbst entscheiden können, ob er sich auszahlen lassen will, ob er das Angebot zur Umsiedlung in ein neues Domizil annimmt oder sich mit einem Ersatzgrundstück abfinden lässt.
Doch Gesetz und Realität sind in Russland zwei Dinge, die nur selten zur Deckung gebracht werden können. In Sotschi herrschten noch einmal besondere Bedingungen, da die Fristen für das Baugeschehen eng bemessen waren und die Verwaltungen aller Ebenen nicht begriffen, dass auch bei staatswichtigen Projekten Rücksicht auf die Bevölkerung genommen werden muss. »Wir zählen einfach [S. 27] nicht, niemand spricht mit uns«, beklagte sich der Ex-Offizier Pawel Schukowski. »Viele von uns, die hier schon lange leben, haben es versäumt, ihre Häuser und Grundstücke rechtzeitig als Eigentum registrieren zu lassen [Anm.16], das war ja früher bei uns nicht so wichtig. Jetzt bestreiten die Behörden der Stadt, dass einige von uns überhaupt über Eigentum verfügen.« Das Resultat: Etliche Familien, die mit mehreren Generationen in einem Haus gelebt hatten, fanden sich plötzlich in einer Zwei-Zimmer-Wohnung wieder.
Drei Jahre später, im Frühjahr 2013, besuchte ich den Ort erneut. Alle waren fort, und nur ein paar leerstehende Häuser erinnerten noch an das Dorf. »Die Leute wurden alle nach Nekrassowka umgesiedelt, schöne Häuser dort. Komm, ich zeig’s dir«, bietet mir Eduard Sitnikow an. Der pensionierte mittelständische Unternehmer fuhr mich mit seinem Toyota Land Cruiser durch das einstige Naturschutzgebiet. »Früher sind wir immer hierher zum Fischen und Grillen an die Msymta gefahren«, erinnerte er sich mit einiger Wehmut. »Besonders im Frühjahr und im Herbst war es einfach überwältigend. Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende Zugvögel machten hier immer Halt, ehe sie weiterflogen. Ein gewaltiges Naturschauspiel.« Damit ist es jetzt natürlich vorbei. Das Imereti-Tal wurde plattgewalzt. Riesige Sportstätte, Schildkröten gleich, breiten sich hier aus. Nekrassowka erreichten wir an dem Tage nicht mehr. Während vorne im großen Eispalast ein Jahr vor den Spielen die ersten Wettkämpfe ausgetragen wurden, blieb Eduards Wagen am Hintereingang beinahe im Schlamm stecken. Wir mussten umkehren.
»Jetzt wollen sie auch noch das letzte Stückchen Natur in der Imereti-Niederung betonieren«, beklagte sich Wladimir Kimajew, pensionierter Offizier der Weltraumtruppen, Leitungsmitglied von Eco Watch im Nordkaukasus und Vertreter der liberalen JablokoPartei in Sotschi, den ich anschließend zu einem Kaffee traf. Es geht um einen 700 Meter langen Sandstrand, »den einzigen dieser Art an der russischen Schwarzmeerküste. Dieses Stückchen Uferzone ist der Lebensraum für eine ganze Reihe sehr seltener Pflanzen«, sagte Kimajew, der nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst den Naturschutz zu seiner Passion gemacht hat. »Dort gibt es Stranddisteln, Wolfsmilch, Seekohl und viele andere seltene Pflanzen, sie sollen unter dem Beton einer Strandpromenade begraben werden«, [S. 28] empörte er sich. Die örtlichen Behörden wollten das von der Regierung in Moskau verfügte Projekt auf Biegen und Brechen durchsetzen. »Ein Gericht hat einer Naturschützerin sogar das Betreten des Strandes verboten.«
Dieses Stückchen Natur war 1993 eigentlich auf Betreiben der örtlichen Abteilung der Russischen Geografischen Gesellschaft im Generalplan der Stadt Sotschi als schützenswertes Naturdenkmal aufgenommen worden. Präsident der russischen Gesellschaft ist Verteidigungsminister Sergej Schoigu, den die Probleme seiner Unterabteilung in Sotschi kaltlassen. Auch die Behörden kümmern sich nicht um die Einwände der Fachleute. Trotz einer wissenschaftlichen Expertise über die Einmaligkeit der dort vorkommenden Flora gaben sie den Startschuss zum Bau. Unter Polizeibewachung rückten im April 2013 die ersten Bohrtrupps auf das Gelände vor.


[16] Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatten diejenigen, die Grundstücke und Datschen nutzten, die Möglichkeit, sie bei den Behörden als Eigentum registrieren zu lassen. Das nahmen viele Russen anfangs nicht so ernst, zudem weigerten sich die Behörden aus Willkür oft, das zu tun. Selbst dann, wenn der Immobilienkauf schon im Neuen Russland stattgefunden hatte.



Freitag, 13. September 2013

Hintergründe: Deutsche Geostrategie im Nordkaukasus

German Foreign Policy, das Analyseportal zur deutschen Aupenpolitik, hat mir freundlicherweise erlaubt, seinen Bericht zur deutschen Kaukasuspolitik bzw. Geostrategie im Nordkaukasus hier erneut im Volltext zu veröffentlichen. Ich hoffe, auch wenn diese Analyse bereits aus dem Jahr 2010 stammt, hiermit den Hintergrund meiner Anfragen unter Punkt 4 meiner "Erweiterten Anfrage" ein wenig erläutert zu haben. Neuere Analysen dieser Art gibt es meines Wissens derzeit nicht, der vorliegende Text ist somit weiterhin von Relevanz. Ich darf an dieser Stelle noch einmal betonen, daß ich mich explizit für ein gemeinsames zivilgesellschaftliches Engagement unterschiedlicher Gruppen ausspreche und nicht für internationale Machtpolitik.

Ich bedanke mich bei German Foreign Policy und verweise hiermit auf die Originalpublikation unter:




Russlands "unvollendete Dekolonisierung"

28.10.2010

MOSKAU/BERLIN (Eigener Bericht) - Berliner Regierungsberater dringen auf die Einmischung Deutschlands und der EU in Bemühungen zur Befriedung des russischen Nordkaukasus. Der "europäische Blick" auf "diese Problemregion" gehöre zum Ausbau der Kooperation zwischen Berlin, Brüssel und Moskau ("Modernisierungspartnerschaft") hinzu, heißt es in einer aktuellen Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Die EU dürfe an den blutigen Konflikten des Gebietes nicht länger "vorbeisehen". Das Papier der SWP bezeichnet geostrategisch bedeutsamste Regionen Südrusslands als "inneres Ausland", das von "Entrussifizierung" und von "unvollendeter Dekolonisierung" geprägt sei. Derzeit erstarke etwa eine "tscherkessische Nationalbewegung", die aus Georgien sowie von US-Organisationen unterstützt werde. Sie habe begonnen, ihre Forderung nach Territorialrevisionen ("tscherkessische Frage") mit den olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 zu verknüpfen; die Kampagne trage bereits internationalen Charakter. Von der Unterstützung für die "tscherkessische Nationalbewegung" aus Washington profitiert Berlin: Es kann sich dem zunehmend unter Druck geratenden Russland als gemäßigter "Mittler" bei der Befriedung des Nordkaukasus anbieten - oder, sollte Moskau sich ihm verweigern, selbst die "tscherkessische Karte" spielen.

Exponierter Krisenherd
Wie die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in einer soeben veröffentlichten Studie schreibt, nehme die Gewalt im russischen Nordkaukasus, darunter Tschetschenien, seit einiger Zeit wieder zu. Moskau habe einen Kurswechsel eingeleitet und setze anders als in den letzten Jahren weniger auf blutige Repression und stärker auf ökonomischen Wiederaufbau. Bisher seien größere Erfolge jedoch ausgeblieben. "Unterstützend" könnten jetzt Berlin und Brüssel eingreifen, heißt es bei der SWP.[1] Zwar habe der Westen "zum Nordkaukasus anders als zum Südkaukasus bislang kaum Zugang". Doch sei das Gebiet immerhin "ein exponierter Krisenherd am Rande Europas". Die EU könne deshalb an der dortigen Entwicklung "nicht vorbeisehen". Wie die SWP urteilt, gehöre "der europäische Blick auf diese Problemregion Russlands" zur engeren Kooperation zwischen Berlin, Brüssel und Moskau dazu, die auch von russischer Seite "Modernisierungspartnerschaft" genannt und - zur Modernisierung der russischen Industrie - nachdrücklich gewünscht werde.[2]

Strategische Herausforderung
Die betroffenen Gebiete des Nordkaukasus [3], von denen einige schon seit den 1990er Jahren von blutigen Kriegen teils sezessionistischen Charakters geplagt werden, besitzen aus Sicht Moskaus beträchtliche Bedeutung. "Neben größeren Landesteilen wie dem Fernen Osten zählt Russland den Nordkaukasus zu seinen strategisch wichtigsten Territorien", schreibt die SWP. Unmittelbar südlich der russischen Kaukasusgrenze verläuft ein Transitkorridor des Westens für Öl- und Gastransporte aus dem Kaspischen Becken nach Europa. Unmittelbar nördlich der Grenze schließen sich wichtige russische Transportrouten und Pipelines an. Im Sommer 2008 eskalierte die Lage bereits nach einer georgischen Aggression zu einem Krieg zwischen Moskau und Tiflis. Die russische Grenze, erklärt die SWP, "verläuft hier in einer Zone, in der sich Russland wie in keinem anderen Teil seines riesigen Staatsterritoriums strategischen Herausforderungen ausgesetzt fühlt."

Entrussifizierung
Die SWP, die die Lage im Nordkaukasus ausführlich analysiert, lässt erhebliche Skepsis an der künftigen Kontrolle Moskaus über das geostrategisch bedeutende Gebiet erkennen. So nutzt sie für die Region den Begriff "inneres Ausland", der sich ihr zufolge "in ausländischen Analysen wie im russischen Sprachgebrauch etabliert" habe. "Der auffälligste Aspekt" dabei sei, heißt es im Duktus völkischer Sezessionsideologie, eine "demographische Entrussifizierung". So sei beispielsweise in der Teilrepublik Dagestan "der russische Bevölkerungsanteil auf etwa drei Prozent gefallen". Eine "deutliche russische Bevölkerungsmehrheit" gebe es "nur noch in der westlichsten Teilrepublik Adygien". In "einigen Stellungnahmen russischer Regionalexperten", berichtet die SWP, "erscheint der Nordkaukasus zunehmend als eine Region, die Russland verlorengeht." Der "russländische Kaukasus", resümiert der Autor entsprechend, "ist ein Gebiet prekärer Staatlichkeit und unvollendeter Dekolonisierung."

Die "tscherkessische Frage"
Für die nächste Zukunft schließt die SWP eine weitere Eskalation der Konflikte im Nordkaukasus nicht aus. Diese wird vom Westen geschürt. So berichtet die SWP, vor allem Georgien - der engste kaukasische Verbündete des Westens - widme sich "verstärkt den nordkaukasischen Völkern", vor allem einer "tscherkessischen Nationalbewegung", die zum großen Teil im Exil lebe, aber über das Internet bestens vernetzt sei. Aus ihrer Sicht sei "ihre historische Heimat", Tscherkessien, "in sechs Gebietseinheiten aufgeteilt worden"; manche forderten, "diese Gebiete wieder zusammenzulegen". Wie die SWP sorgfältig vermerkt, werden "tscherkessische" Nationalisten nicht nur von Georgien, sondern inzwischen auch von der Washingtoner Jamestown Foundation gefördert. Dabei werde die "tscherkessische Frage" mit den olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 verbunden, da Sotschi nach Auffassung der tscherkessischen Nationalisten zu "Tscherkessien" gehöre. Eine Kampagne gegen die Winterolympiade ist laut Auskunft der Stiftung bereits in Gang.

Machtoptionen
Für Berlin eröffnet die Konstellation mehrere Optionen. Gelingt es, von Moskau die Zustimmung zur Einmischung zu erhalten, böte die Position als "Mittler" neue Möglichkeiten, den deutschen Einfluss in Russland auszuweiten - unter Wahrung der Sonderbeziehungen nach Moskau. Sperrt sich Moskau, besteht die Möglichkeit, sich auf die Seite der völkischen Sezessionsbewegungen im Nordkaukasus zu schlagen; Berlin hat das schon des Öfteren getan (german-foreign-policy.com berichtete [4]). Selbst eine Drohung damit könnte angesichts der hohen Bedeutung des Gebiets die russische Regierung unter starken Druck setzen. Die SWP hält die Aussichten für durchaus günstig, dass Moskau Berlin und Brüssel einen Zugang zu dem Krisengebiet öffnet - schließlich hatte die russische Regierung bereits im Jahr 2004 erste Schritte in diese Richtung eingeleitet [5], wenngleich das Experiment, die EU im eigenen Land operieren zu lassen, bald wieder eingestellt wurde. Die SWP schlägt nun eine Wiederaufnahme vor - anknüpfend an verstärkten Druck aus Georgien und den USA.

[1] Zitate hier und im Folgenden aus: Uwe Halbach: Russlands inneres Ausland. Der Nordkaukasus als Notstandszone am Rande Europas, SWP-Studie S 27, Oktober 2010
[2] s. dazu Natürliche Modernisierungspartner und Die Wirtschaftsachse Berlin-Moskau (III)
[3] Es handelt sich um die Teilrepubliken Dagestan, Tschetschenien, Inguschetien, Nordossetien, Kabardino-Balkarien, Karatschajewo-Tscherkessien und Adygien.
[4] s. dazu "Dekolonisierung" Russlands gefordert, Deutsche Tschetschenen, Tschetschenische Karte und "Russland wird Tschetschenien verlieren"
[5] s. dazu Einflusszonen






Anmerkung von Kuban Kural zur Antwort von Karaahmetoğlu, SPD

Das Team von Macit Karaahmetoğlu hatte in seiner Stellungnahme mit folgenden Worten auf die Arbeit von Kuban Kural verwiesen: 

"Mindestens seit 2006, als Sotchi für die olympischen Winterspiele nominiert wurde, ist mir der Völkermord des Zarenreiches an der Minderheit der Tscherkessen bekannt, weil Kuban Kural aus Istanbul die Kampagne gegen die Spiele auf den Gräbern seiner Vorfahren initiierte."

Aus meiner Sicht ist die Bezugnahme des Büros Karaahmetoğlu auf Kuban Kural ein schönes Indiz dafür, daß Aktionen der tscherkessischen Diaspora in der Türkei mittlerweile auch in Deutschland ein Echo finden. Kuban Kural ist Aktivist bei der türkisch-kaukasischen NGO Caucasus Forum (mit Informationen auf türkisch und englisch), Herausgeber der tscherkessischen Internet-Zeitschrift Guşıps (in türkischer Sprache) und Initiator sowie Moderator der Fernsehsendung Marje (ebenfalls in türkischer Sprache, die einzelnen Sendungen können nachträglich auf youtube angesehen werden). Kuban Kural war im Frühjahr letzen Jahres von russischsprachigen Individuen in Istanbul mit dem Tode bedroht worden und steht nunmehr unter ständigem Polizeischutz.

Das Team von Macit Karaahmetoğlu hatte die Bedrohung Kuban Kurals auf das Schärfste verurteilt. Gleichzeitig hatte es - vor dem Hintergrund der von mir behaupteten weitgehenden Schutzlosigkeit von Aktivisten und Intellektuellen - es als erfreuliches Zeichen gewertet, daß dem Aktivisten von No Sochi 2014 Polizeischutz gewährt wurde. Da ich persönlich mit Kuban Kural in Kontakt stehe und zumindest grob über die Hintergründe des Polizeischutzes informiert war, hatte ich ihn gefragt, ob er Interesse an einer Stellungnahme habe. 

Kuban Kural hat mich heute gebeten, mich in seinem Namen bei Macit Karaahmetoğlu für sein Interesse an der Thematik zu bedanken, und mir dabei heute folgende Zeilen geschickt: 

"2012 Mayıs ayında başlayan takip ve ardından tehdit edilmem üzerine savcılık yoluyla başlatmış olduğum hukuki süreç konusunda herhangi bir ilerleme sağlanmış değil. Ayrıca savcılık veya emniyet tarafından konuyla ilgili bir soruşturmada yapılmış değil. Hukuki süreçten bir sonuç alamayınca İnsan Hakları Derneği ile birlikte Kafkasya Forumu olarak yaptığımız ortak bir basın açıklaması ile konuyu kamusallaştırdık. Ardından Uluslararası Af Örgütü'nün benim korunmam ile ilgili tüm dünyada başlattığı kampanyanın ve olayın New York Times gibi gazetelere haber olmasının ardından Emniyet Müdürlüğü'ne çağırıldım ve Valilik onayıyla koruma kararı çıkartıldı. Yani koruma kararım başlatılan sivil bir mücadele sonunda Hükümete yapılan sivil baskı sonucunda sağlandı. Tehdit edilmem ile ilgili ise halen bir soruşturma açılmış yada bana herhangi bir bilgilendirme yapılmış değil."

Zu Deutsch:

"Das Justizverfahren, daß ich aufgrund der im Mai 2012 beginnenden Verfolgung und meiner anschließenden Bedrohung über die Staatsanwaltschaft angestrengt hatte, hat keinerlei Fortschritt gezeitigt. Zudem wurden von Seiten der Staatsanwaltschaft oder auch Polizei keine Ermittlungen zu dieser Angelegenheit angestellt. Da ich auf dem Weg des Justizverfahrens kein Resultat erhielt, haben wir als Caucasus Forum diese Angelegenheit zusammen mit dem Insan Hakları Derneği [Menschenrechtsverein der Türkei] in einer gemeinsamen Presseerklärung der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Danach wurde ich, nachdem Amnesty International bezüglich meines Schutzes eine weltweite Kampagne begonnen hatte und über die Begebenheit in Zeitungen wie der New York Times berichtet worden war, ins Polizeipräsidium bestellt und es wurde mit Zustimmung des Gouverneursamtes der Beschluß zum Personenschutz herausgegeben. Das heißt, der Beschluß zum Schutz meiner Person konnte als Resultat eines zivilen Kampfes, bei dem auf die Regierung ziviler Druck ausgeübt wurde, erwirkt werden. Bezüglich meiner Bedrohung wurden bis heute keinerlei Ermittlungen eröffnet bzw. habe ich keinerlei Inkenntnissetzung erhalten."


Es ist demzufolge nicht automatisch so, daß bedrohte Individuen den notwendigen Schutz erhalten - weder in der Türkei noch in andere Ländern. Letztenlich ist es nicht die Justiz an sich, sondern vielmehr öffentlicher Druck, der etwas bewegt (und bewegen kann!). Ich danke Kuban Kural für die postwendende Stellungnahme und hoffe, daß künftig auf dem Gebiet des Schutzes nordkaukasischer Intellektueller und Aktivisten deutlichere Fortschritte erzielt werden können.

Für andere Fälle, in denen effektiver Schutz fehlte bzw. fehlt, siehe den vorhergehenden post unter:
 http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com/2013/09/prazisierende-antwort-des-teams.html







Dienstag, 10. September 2013

Präzisierende Antwort des Teams Karaahmetoğlu (SPD)

Ich freue mich, daß das Team von Macit Karaahmetoğlu, nunmehr mitten im Wahlkampf, Zeit gefunden hat, mir eine weitere Antwort zukommen zu lassen, in der es nun auch explizit um die Tscherkessen geht. 

Ich begrüße insbesondere, daß die Antwort mit dem Zitat des Deutschlandradio-Berichtes darauf verweist, daß die Kolonialverbrechen und die genozidale Gewalt, die während des 19. Jahrhunderts im Westkaukasus verübt wurden, eine über den Einzelfall hinausgehende Relevanz haben. Für mich ist damit auch auf die Bedeutung von Vergangenheitsaufarbeitung zur aktuellen Genozidprävention hingewiesen. 

Der Deutschlandradio-Bericht, von dem hier die Rede ist, ist nachlesbar unter: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/europaheute/1835727/. So erfreulich wie dieser Bericht ist, möchte ich jedoch auch darauf hinweisen, daß er bisher in der deutschen Medienlandschaft noch eine große Ausnahme darstellt und damit in einer Masse an Informationen unterzugehen droht - eine kurze Auflistung der bisher noch sehr übersichtlichen deutschen Berichterstattung zum Thema Sotschi 2014 und den Tscherkessen wird bei nächster Gelegenheit folgen. 

Hier nun nach meiner Vorrede die Antwort des SPD-Wahlkampfbüros, für die ich mich an dieser Stelle herzlich bedanke:

"Sehr geehrte Frau Kreiten,
haben Sie vielen Dank für Ihr Schreiben vom 23. August. Soweit es mir möglich ist, will ich versuchen, auf Ihre Fragen einzugehen.
Mindestens seit 2006, als Sotchi für die olympischen Winterspiele nominiert wurde, ist mir der Völkermord des Zarenreiches an der Minderheit der Tscherkessen bekannt, weil Kuban Kural aus Istanbul die Kampagne gegen die Spiele auf den Gräbern seiner Vorfahren initiierte.
Als Sozialdemokrat bin ich unserer 150jährigen Geschichte verpflichtet, die stets gegen Völkermord und Vertreibung gekämpft hat. Zum Ermächtigungsgesetz der Hitlerei sagte Otto Wels: „Freiheit und Leben könnt ihr uns nehmen, die Ehre nicht.“ Mit den Stimmen der bürgerlichen Parteien wurde die Ermächtigung Gesetz.
So ehrenvoll das Anliegen von Kuban Kural und seinen Mitstreitern ist, so aussichtslos erscheint es mir aus zwei Gründen: Der Undemokrat Putin wird zu keinen Zugeständnissen an eine ehemalige russische Minderheit bereit sein, wo er doch seine eigenen Mitbürger von einer rigorosen Justiz unterdrückt. Das IOC wird sich von dem Protest der Tscherkessen ebenso wenig beeindrucken lassen, ist es doch schon lange nicht mehr der Idee des Pierre de Coubertin verpflichtet sondern allein dem Profit.
Die Information in den deutschen Medien über den Völkermord im Kaukasus vor 150 Jahren macht zwar keine Schlagzeilen, man erhält immer wieder neue Hintergrundinformationen. Deutschlandradio berichtete: „Westeuropäische Regierungen haben den tscherkessischen Widerstand im Kaukasus vor 150 Jahren kurzzeitig als Heldentum gefeiert, das Volk dann aber fallen gelassen: Wenn die Welt damals eingeschritten wäre gegen den Genozid an den Tscherkessen, dann wären die Völkermorde an den Armeniern, den Juden, und den Tutsi vielleicht nicht geschehen – weil die Täter dann gewusst hätten, dass die Welt das nicht hinnehmen wird.“
Aber wenn heute Assad in Syrien sein eigenes Volk vernichtet und niemand vermag ihn daran zu hindern, empört mich das viel mehr. In der Badischen Zeitung las ich kürzlich, dass syrische Tscherkessen versuchen in den Kaukasus zurückzukehren, da sie eine Islamisierung Syriens befürchten. Eine kollektive Rückkehr dürfte ihnen jedoch verwehrt sein, denn weder Assad noch Russland haben ein Interesse daran, dass die Tscherkessen das Land verlassen und dadurch Assad einen seiner größten Unterstützer verliert. In Syrien leben 100 000 Tscherkessen und ihre Loyalität zum säkularen Regime ist ungebrochen.
Ihre These, sehr geehrte Frau Kreiten, dass der Nordkaukasus ein „potentieller Einsatzort für die Bundeswehr“ werden könnte, halte ich gelinde gesagt für haarsträubend und nicht nachvollziehbar. Dass dienordkaukasischen Minderheitenrechte im Schatten der Öffentlichkeit stehen“, mag ja sein, dass sie mit „Behinderungen und Sanktionen belegt werden“, sehe ich nicht.
Eine weitverbreitete Diskriminierung und faktische Schutzlosigkeit von Aktivisten und Intellektuellen mit Nordkaukasus-Bezug kann ich in Deutschland nicht erkennen. Dass Kuban Kural mit dem Tode bedroht wurde verurteile ich auf das Schärfste, immerhin stellten ihn die türkischen Behörden jetzt unter Polizeischutz.
Ihre Frage  nach Kontakt zu nordkaukasischen Verbänden in Deutschland muss ich verneinen. Mein Schwerpunkt liegt auf sozialer Gerechtigkeit und besserer Bildung in Deutschland. Dass davon auch nordkaukasische Neubürger gewinnen, halte ich für selbstverständlich.
 Mit freundlichen Grüßen
i.A. Hanna Wälzel-Köster




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Team Macit Karaahmetoglu
Hanna Wälzel-Köster
SPD-Wahlkreiszentrale
Marktstr. 41
71254 Ditzingen
www.macit-spd.de "

Hinsichtlich Punkt 4 meiner Anfrage möchte ich zu meiner Verteidigung und zur Erläuterung meiner persönlichen Auffassungen in diesem Punkt anmerken, daß ich nicht vom Kaukasus als einem Einsatzort der Bundeswehr gesprochen habe, sondern davon, daß er als "potentieller Einsatzort" der Bundeswehr gehandelt wird. Ich beziehe mich hierbei u.a. auf den entsprechenden Band der "Wegweiser zur Geschichte". Diese Reihe dient laut Verlag und dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam der Bundeswehr als deren Herausgeber der Einsatzvorbereitung deutscher Soldaten für Auslandseinsätze; sie behandelt bisher Länder und Regionen wie u.a. Afghanistan, das Horn von Afrika, den Kosovo und den Nahen Osten. Ich stütze mich bei der Einschätzung der militärischen Relevanz des Kaukasus-Bandes auch explizit auf die Aussage, daß die Bände "Geschichte und Kultur von Ländern und Regionen, in denen die Bundeswehr im Einsatz steht oder stand" (ebd.), umreißen. Im Falle des Kaukasus-Bandes hat dies - das sei nebenbei bemerkt - zu historischen Verzerrungen geführt. 

Ich betrachte die Antwort des Teams Karaahmetoğlu auch als wichtigen Ansporn, künftig stärker auf die international schwierige Arbeitssituation von Aktivisten und Intellektuellen mit Kaukasus-Bezug einzugehen. Eine kleine korrigierende Anmerkung des im Antwortschreiben hervorgehobenen Aktivisten Kuban Kural ist ebenfalls hier auf meinem blog nachzulesen.

Aktuell wäre der Mord an Medet Önlü (bzw. je nach Schreibweise auch Medet Ünlü) zu thematisieren, der nach bisherigen Erkenntnissen ursprünglich am 21. Mai  - dem Tag der endgültigen Niederlage gegen Rußland und damit einem symbolischen Schlüsseldatum der tscherkessischen Geschichte - hatte erfolgen sollen und damit auch in engem Zusammenhang zu den Olympischen Spielen in Sotschi steht. Auf Deutsch wurde über diesen Mord meines Wissens bisher lediglich von der Gesellschaft für bedrohte Völker berichtet,  englischsprachige Artikel erschienen in der türkischen Zeitung Today's Zaman sowie in der englischsprachigen Ausgabe der Hürriyet

Daneben sollte aber auch verstärkt öffentlich gemacht werden, daß es weniger gravierend erscheinende, mit Hinblick auf das Verschweigen der tscherkessischen Kultur und Geschichte jedoch nichtsdestotrotz sehr effektive Formen der Repression gibt, die vorwiegend auf Arbeit und Karriere der betroffenen Intellektuellen und Aktivisten abzielen. Dies trifft nicht zuletzt auch Museumspersonal im Nordkaukasus, das mit Ausstellungen Geschichte und Kultur der lokalen Bevölkerung präsentieren möchte. Ein Beispiel hierfür ist der Historiker Almir Abregov, den ich im Frühsommer 2006 selbst noch in seiner Funktion als Direktor des Nationalmuseums der Teilrepublik Adygien kennenlernen durfte. Abregov wurde nach vorherigen, nicht erfolgreichen Versuchen Ende 2007 aus dem Museum entlassen. Trotz Protesten wurde die politisch motivierte Entscheidung dieses Mal nicht rückgängig gemachtwichtige Teilausstellungen des Museums wurden in der Folge geschlossen. In anderen Fällen ist es leider nicht möglich, vergleichbare Vorkommnisse öffentlich zu machen, da dies die Betroffenen - in Ermangelung effektiver internationaler Schutzmechanismen - noch stärker gefährden würde. Ich erwähne somit Herrn Abregov hier auch nur, weil es in seinem Falle, zumindest in rudimentärer Form, bereits im Netz frei verfügbare Informationen auf Englisch gibt. Die Zahl der bedrohten Aktivisten und Intellektuellen ist jedoch weitaus höher.